„Und Sloane?“

„Sie erhielten in den vergangenen Monaten mehrere Überweisungen von derselben Gesellschaft. Die Beträge waren nicht besonders hoch, aber regelmäßig.“

Alexander Schwieg.

Dann fragte er: „Was hatte sie gegen Merritt?“

Thomas öffnet eine weitere Datei.

„Wir haben Nachrichten gefunden, die Sloane an einen nicht gespeicherten Kontakt geschickt hat. Wir konnten den Kontakt noch nicht eindeutig zuordnen. Eine Nachricht lautete: ‚Wenn sie sich nicht zurückzieht, wird es keine Hochzeit geben.‘ Eine andere: ‚Richard hat versprochen, dass er sich darum kümmert.‘“

Alexander spürte, wie seine Hände sich verkrampften.

„Sie haben darüber gesprochen, Merritt aus dem Weg zu räumen.“

„Es sieht danach aus.“

„Und der Unfall?“

„Wir können noch nicht beweisen, wer das Fahrzeug gefahren hat. Die Aufnahmen zeigen Sloane am Steuer, aber die Ermittler müssen das Originalmaterial prüfen und mit weiteren Beweisen abgleichen.“

Alexander Nickte.

„Dann geben wir ihnen alles.“

Thomas schloss den Laptop nicht.

„Es gibt noch einen Punkt.“

„Welchen?“

„Die Nachrichten begannen nicht erst sechs Wochen vor dem Unfall. Wir haben Hinweise auf einen älteren Konflikt. Vor ungefähr drei Jahren versuchte Sloane, an interne Unterlagen Ihrer Familie zu gelangen. Richard hat ihr dabei geholfen.“

Alexander runzelte die Stirn.

„Welche Unterlagen?“

Thomas schob ihm eine Kopie über den Tisch.

Es war eine Liste von Kontobewegungen aus einer alten Stiftung, die Alexanders Mutter gegründet hatte. Die Stiftung sollte Menschen unterstützen, die nach schweren Unfällen eine langwierige Rehabilitation benötigenen.

Alexander kannte sie.

Seine Mutter hatte sie kurz vor ihrem Tod ins Leben gerufen. Sie hatten damals gesagt, dass niemand nach einem Unfall allein gelassen werden sollte, wenn er Hilfe brauchte.

„Was hat Sloane damit zu tun?“

„Sie war damals für einige Monate als Beraterin der Stiftung tätig. Kurz vor Ihrer Trennung wurden Unregelmäßigkeiten entdeckt. Geld war über mehrere Zwischenkonten abgeflossen.“

Alexander blickte auf die Liste.

„Ich dachte, wir hätten das geklärt.“

„Sie hatten einen Teil des Geldes zurückerhalten. Aber die Untersuchung wurde beendet, bevor alle Transaktionen nachvollzogen waren.“

„Richard sagte, die fehlenden Beträge seien durch einen Buchungsfehler entstanden.“

„Das sagte er.“

Alexander hob langsam den Kopf.

„Du glaubst ihm nicht.“

„Ich glaube, dass wir uns nicht auf Aussagen verlassen sollten, die von Personen stammen, gegen die Beweise vorliegen könnten.“

Alexander steht auf und geht zur Glaswand.

Drei Jahre zuvor hatte er geglaubt, Sloane habe seine Mutter ausgenutzt. Er hatte sie zur Rede gestellt, ihre Verlobung beendet und geglaubt, damit sei die Angelegenheit abgeschlossen.

Aber wenn Richard die Geldbewegungen vertuscht hatte, dann war die Geschichte viel komplizierter.

Vielleicht hatte Sloane nicht nur aus Eifersucht gehandelt.

Vielleicht hatte sie Angst davor, dass Merritt etwas entdeckt hatte.

„Was wusste Merritt von der Stiftung?“, fragte Alexander.

Thomas blätterte in seinen Notizen.

„Sie hat früher als Physiotherapeutin gearbeitet. Vor etwa vier Monaten hat sie eine Stelle bei einer Rehabilitationsklinik angenommen, die Fördermittel aus Ihrer Stiftung erhält.“

Alexander drehte sich um.

„Das hat sie mir nie erzählt.“

„Vielleicht wusste sie nicht, dass es einen Zusammenhang gibt.“

„Oder sie hat etwas gefunden.“

Thomas Nickte.

„Wir sollten mit ihr sprechen, sobald sie sich dazu in der Lage fühlt.“

Alexander nahm sein Telefon.

„Ich fahre ins Krankenhaus.“

„Und Richard?“

Alexander blieb an der Tür stehen.

„Richard soll glauben, dass ich ihm noch eine Chance gebe.“

„Und wenn er versucht, Beweise zu vernichten?“

„Dann müssen wir schneller sein.“

Er öffnete die Tür.

„Aber wir werden nichts tun, was Merritt gefährdet. Diesmal schützen wir sie, indem wir die Wahrheit beweisen.“


4. DER BRIEF, DEN MERRITT NIE ABSCHICKTE

Als Alexander am Nachmittag ins Krankenhaus kam, war Merritt wacher als am Morgen.

Sie hatte etwas gegessen und mit ihrer Schwester telefoniert. Auf dem Nachttisch lag ein Notizbuch, dessen Ecken abgenutzt waren.

Alexander begrüßte sie mit einem vorsichtigen Kuss auf die Stirn.

„Wie fühlst du dich?“

„Besser als gestern. Schlechter als vor sechs Wochen.“

„Das klingt nach einer ehrlichen Einschätzung.“

Merritt schwach.

Dann sah sie sein Gesicht.

„Du hast etwas herausgefunden.“

Alexander stand sich.

„Es gibt Beweise dafür, dass Richard und Sloane sich vor deinem Unfall getroffen haben. Wir haben außerdem Hinweise auf Geldbewegungen gefunden, die mit der Stiftung meiner Mutter zusammenhängen.“

Merritt schloss die Augen.

„Dann hatte ich recht.“

„Womit?“

Sie deuteten auf das Notizbuch.

„Ich wollte dir das schon vor Wochen erzählen. Aber jedes Mal, wenn ich es versucht habe, kam etwas dazwischen.“

Alexander nahm das Notizbuch nicht sofort.

„Was hast du gefunden?“

Merritt öffnet die erste Seite.

Dort stehen mehrere Namen, Daten und Einträge. Einige Zeilen waren mit einem roten Stift markiert.

„In der Rehabilitationsklinik, in der ich gearbeitet habe, gab es eine Patientin, die über die Sterling-Stiftung unterstützt wurde. Sie war nach einem Unfall monatelang auf Hilfe angewiesen. Ihre Rechnungen wurden angeblich vollständig bezahlt. Trotzdem erhielten sie Mahnungen.“

„Wie kann das sein?“

„Ich begann, die Unterlagen zu überprüfen. Dabei bemerkte ich, dass mehrere Zahlungen auf Konten gingen, die nicht zur Kliniken gehörten. Zuerst dachte ich an einen Fehler. Dann fand ich weitere Fälle.“

Merritt blätterte um.

„Ich sah den Namen der Stiftung immer wieder. Schließlich fragte ich die Verwaltung nach den Überweisungen. Zwei Tage später wurde mein Zugang zu den Unterlagen gesperrt.“

Alexander nahm das Notizbuch.

„Warum hast du mir nichts davon gesagt?“

„Weil ich deinen Namen nicht in etwas hineinziehen wollte, das ich noch nicht verstand.“

„Du hättest mir vertrauen können.“

Merritt sah ihn traurig an.

„Ich habe dir vertraut. Aber ich wusste auch, wie viel dir deine Familie bedeutet. Ich wollte nicht die Frau sein, die zwischen dir und deinem Onkel steht.“

Alexander legte das Notizbuch auf den Tisch.

„Du stehst nicht zwischen uns. Die Wahrheit steht zwischen uns.“

Merritt betrachtete ihn lange.

„Ich habe Kopien der wichtigsten Unterlagen gemacht. Eine davon ist bei meiner Schwester. Die anderen habe ich an eine ehemalige Kollegin geschickt, die sich mit Abrechnungsbetrug auskennt.“

„Warum hast du sie nicht der Polizei gegeben?“

„Ich wollte zuerst sicher sein, dass ich nichts falsch verstanden hatte. Dann kam der Unfall.“

Alexander nahm ihre Hand.

„Du musst das nicht allein lösen.“

„Das weiß ich jetzt.“

Er zögerte.