
Daniels Brust wurde eiskalt.
„Böse sein?“
Lily nickte.
Rachel lachte leise.
„Sie weiß es besser, als Möbel ohne zu fragen zu verrücken.“
Daniel blickte seine Tochter an.
“Was hast du gemacht?”
Lilys Lippen zitterten.
„Ich habe etwas kaputt gemacht.“
„Was hast du kaputt gemacht?“
Sie sah Rachel an.
Rachel antwortete für sie.
„Ein altes Armband.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Welches Armband?“
Rachel verschränkte die Arme.
„Es gehörte deiner Mutter.“
Die Worte trafen sie hart.
Claires Armband.
Daniel hatte fast alles, was mit seiner ersten Frau zu tun hatte, in einer verschlossenen Schublade in seinem Arbeitszimmer aufbewahrt. Fotos. Eine Hochzeitseinladung. Ein Armband aus dem Krankenhaus von Owens Geburt. Claires handgeschriebene Rezeptkarten.
Doch das Armband war nach Claires Tod verschwunden.
Daniel hatte angenommen, er hätte es verlegt.
„Wo ist es?“, fragte er.
Rachel deutete auf den Zedernholzschrank.
„Sie hat es dort dahinter gefunden.“
Lilys Augen füllten sich erneut mit Tränen.
„Ich habe es nicht kaputt gemacht.“
Rachels Gesichtsausdruck wurde weicher.
„Schatz, ich weiß, dass du das nicht mit Absicht getan hast.“
„Aber ich habe es nicht getan!“
Daniel kauerte sich hin.
„Lily, schau mich an.“
Das hat sie.
„Erzählen Sie mir genau, was passiert ist.“
Ihr Blick wanderte wieder zu Rachel.
„Ich habe Mamas Armband gefunden.“
“Wo?”
„Hinter dem Kabinett.“
„Und dann?“
„Ich habe es aufgehoben.“
Rachel unterbrach sanft.
„Sie bekam Angst und ließ es fallen.“
“NEIN.”
Lilys Stimme war plötzlich lauter.
„Ich habe es nicht fallen gelassen.“
Daniel spürte, dass sich etwas im Flur verändert hatte.
“Was ist passiert?”
Lily schluckte.
„Rachel hat es genommen.“
Rachels Gesichtsausdruck verfinsterte sich.
“Lilie.”
„Sie hat es mir weggenommen.“
Daniel stand auf.
„Rachel, gib uns eine Minute.“
Sie starrte ihn an.
„Daniel, das ist lächerlich.“
“Bitte.”
Zum ersten Mal wirkte Rachel beleidigt.
Dann lächelte sie.
“Natürlich.”
Sie ging die Treppe hinunter.
Daniel wartete, bis er ihre Schritte verklingen hörte.
Dann wandte er sich wieder Lily zu.
“Was ist passiert?”
Lily flüsterte: „Sie sagte, Mamas Sachen gehören nicht mehr in dieses Haus.“
Daniel verkrampfte sich im Magen.
„Hat sie das gesagt?“
Lily nickte.
„Sie sagte, das sei jetzt ihr Haus.“
Daniel setzte sich neben seine Tochter auf den Boden.
„Warum hast du es mir nicht gesagt?“
“Ich habe es versucht.”
“Wann?”
„Sehr oft.“
„Was hat Sie aufgehalten?“
Lily blickte in Richtung Treppe.
„Sie sagte, du wärst traurig.“
Daniels Kiefer verkrampfte sich.
„Was noch?“
„Sie sagte, wenn ich dir weiterhin Dinge erzähle, würdest du mich wegschicken.“
Sein Herz war gebrochen.
„Wer hat dir das erzählt?“
„Rachel.“
Daniel schloss die Augen.
Er wollte glauben, dass es dafür eine Erklärung gab.
Ein Missverständnis.
Die Angst eines Kindes.
Etwas Unschuldiges.
Doch dann erinnerte er sich daran, wie Lily zusammengezuckt war, als Rachel ihre Schulter berührt hatte.
Er erinnerte sich an die Stille, als er nach Hause kam.
Er erinnerte sich daran, dass der erste Instinkt seiner Tochter war, sich zu verstecken.
Daniel hatte jahrelang ein Unternehmen aufgebaut, indem er Risiken erkannte, bevor sie zu Katastrophen wurden.
Seine Tochter war sieben Jahre alt.
Und sie versteckte sich vor seiner Frau.
Das war eine Katastrophe.
„Hat sie dir wehgetan?“
Lily schüttelte den Kopf.
„Nicht so.“
„Was bedeutet das?“
„Sie hat mich gestern am Arm gepackt.“
“Warum?”
„Weil ich nichts essen wollte.“
Daniel betrachtete den blassen roten Fleck in der Nähe von Lilys Handgelenk.
Das war ihm vorher nicht aufgefallen.
Seine Stimme wurde ganz leise.
„Hat sie das heute getan?“
Lily schüttelte den Kopf.
„Sie sagte, ich müsse oben bleiben.“
“Für wie lange?”
“Ich weiß nicht.”
“Was hast du gegessen?”
„Ein kleiner Toast.“
Daniel stand auf.
„Wo ist Owen?“
„Mit dem Kindermädchen.“
„Welches Kindermädchen?“
„Mrs. Harper.“
Daniel runzelte die Stirn.
Ihr reguläres Kindermädchen, Teresa, hatte sechs Wochen zuvor gekündigt.
Rachel hatte eine Frau namens Mrs. Harper eingestellt.
Daniel hatte sie noch nie getroffen.
Er hasste diese Tatsache plötzlich.
„Wie lange ist sie schon hier?“
„Seit Frau Teresa weg ist.“
„Und Rachel bleibt bei dir?“
“Manchmal.”
„Was meinen Sie mit manchmal?“
Lily senkte den Blick.
„Sie geht.“
“Wo?”
“Ich weiß nicht.”
Daniel ging in Richtung Schlafzimmer.
Dann hielt er an.
„Lily, ich brauche deine Hilfe.“
“Was?”
„Wenn Rachel dich fragt, worüber wir gesprochen haben, musst du nicht lügen.“
Lily sah verängstigt aus.
„Wird sie wütend sein?“
„Ich werde nicht zulassen, dass sie dir wehtut.“
Die Worte waren ihm herausgerutscht, bevor er richtig darüber nachgedacht hatte.
Lily starrte ihn an.
Dann flüsterte sie: „Kann ich heute Nacht in deinem Zimmer schlafen?“
Daniels Kehle schnürte sich zu.
“Ja.”
Sie griff nach seiner Hand.
Er hat es genommen.
Als sie die Treppe hinuntergingen, stand Rachel in der Küche.
Sie hielt ein Foto in der Hand.
Daniel erkannte es sofort.
Claire.
Ich halte die neugeborene Lily im Arm.
Rachel drehte das Foto um.
„Daniel, wir müssen reden.“
“Ja.”
„Ich glaube, Lily ist verwirrt.“
„Worüber?“
„Sie vermisst ihre Mutter.“
Daniels Augen verengten sich.