Die Last des Kummers schien von ihren Schultern abzufallen, ersetzt durch eine kühle, rationale Effizienz.

Sie ging zum Schreibtisch im Arbeitszimmer, öffnete die oberste Schublade und holte die Ordner mit den gemeinsamen Bankunterlagen, den Versicherungen und den Grundbucheinträgern hervor.

Obwohl Federico sich immer als den alleinigen Ernährer und Herrn des Hauses aufgespielt hatte, wusste Dolores ganz genau, dass ihr Name auf den wichtigsten Verträgen stand und dass sie nach französischem Recht ein Anrecht auf die Hälfte des gemeinsamen Vermögens hatte.

Sie griff nach ihrem Notizbuch und wählte die Nummer von Kanzlei Weber & Partner, einer renommierten Anwaltskanzlei in der nahegelegenen Hafenstadt, deren Dienste sie bisher nur von geschäftlichen Empfängen kannte.

Nach einer kurzen Weiterleitung meldete sich eine höfliche Frauenstimme.

„Kanzlei Weber & Partner, guten Tag.“

„Guten Tag, mein Name ist Dolores Moreau“, sagte Dolores mit fester, unerschütterlicher Stimme. „Ich benötige dringend einen Termin für eine Erstberatung in einer Angelegenheit von Scheidung und Vermögensaufteilung.“

Die Mitarbeiterin am Empfang stockte kurz, schien dann aber die Professionalität zu bewahren.

„Sehr gerne, Frau Moreau. Wir hätten heute Nachmittag um vier Uhr noch ein Zeitfenster frei. Passt Ihnen das?“

„Das passt perfekt“, erwiderte Dolores. „Ich werde da sein.“

Sie legte auf, verstaute die wichtigsten Dokumente sicher in einer Ledertasche und trug anschließend ihre Koffer nach draußen zum Auto.

Als sie das Gepäck im Kofferraum verstaute, spürte sie plötzlich eine seltsame, fast berauschende Vorfreude in sich aufsteigen.

Jahrzehntelang hatte sie im Schatten ihres Mannes gelebt, hatte seine Launen ertragen, seine Karriere unterstützt und ihre eigenen Wünsche hintenangestellt.

Jetzt, mit fünfundsechzig Jahren, schien das Leben ihr eine zweite Chance zu geben – eine Chance, endlich die Protagonistin in ihrer eigenen Geschichte zu sein.

Sie stieg in den Wagen, warf einen letzten, emotionslosen Blick auf das große Haus am Meer und trat aufs Gaspedal.

Die Fahrt zur Kanzlei verlief ruhig.

Um punkt vier Uhr betrat Dolores das elegante Büro von Rechtsanwalt Dr. Martin Weber, einem älteren, grauhaarigen Mann mit scharfen Zügen und einem aufmerksamen Blick, der hinter seinem massiven Mahagonischreibtisch saß.

Er musterte sie mit Respekt, als sie ihm gegenübersaß und ihm mit ruhiger, präziser Stimme die Ereignisse des Vormittags schilderte.

Sie erzählte ihm von den neununddreißig Jahren Ehe, von dem Haus, von der Yacht und schließlich von dem schockierenden Fund auf dem Boot.

Dr. Weber hörte schweigend zu, machte sich gelegentlich Notizen auf einem Block und nickte schließlich langsam.

„Frau Moreau, ich bewundere Ihre Haltung“, sagte Dr. Weber mit tiefer, beruhigender Stimme. „Viele Mandantinnen in Ihrer Situation brechen erst einmal zusammen. Sie hingegen wissen genau, was Sie wollen.“

„Ich habe lange genug geschwiegen und zugesehen, Herr Doktor“, antwortete Dolores kühl. „Jetzt möchte ich wissen, worauf ich rechtlichen Anspruch habe.“

Der Anwalt lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und verschränkte die Hände.

„Nun, da Ihr Güterstand standardmäßig auf die Errungenschaftsgemeinschaft ausgerichtet ist – sofern es keinen anderslautenden Ehevertrag gibt, was wir prüfen werden –, gehört Ihnen die Hälfte des gesamten Vermögens“, erklärte Dr. Weber sachlich. „Das schließt das Haus am Meer ein, die gemeinsamen Konten, die Wertpapiere und ja… auch die elegante Yacht im Hafen, deren Wert keineswegs unerheblich ist.“

Ein schmales, fast unsichtbares Lächeln huschte über Dolores’ Lippen.

„Die Yacht kann er behalten“, sagte sie leise. „Aber er wird mir ihren Gegenwert in bar auszahlen müssen, oder wir lassen sie verkaufen und teilen den Erlös.“

Dr. Weber lächelte ebenfalls anerkennend.

„Das lässt sich arrangieren. Wir werden umgehend die Kontensperrung beantragen, eine Inventarisierung aller Vermögenswerte veranlassen und Ihrem Ehemann die Scheidungspapiere zustellen lassen. Sie müssen ab diesem Moment keinen einzigen Schritt mehr allein tun, Frau Moreau.“

„Ich danke Ihnen, Dr. Weber. Lassen Sie uns keine Zeit verlieren.“

Nachdem die Formalitäten geklärt waren und sie die Kanzlei verlassen hatte, fühlte sich Dolores wie von tonnenschweren Ketten befreit.

Die Sonne stand inzwischen tiefer am Himmel und tauchte die Hafenstadt in ein warmes, goldenes Licht.

Sie beschloss, vor ihrer Weiterfahrt nach Marseille noch einmal am Hafen vorbeizufahren – nicht aus Sehnsucht oder Sentimentalität, sondern um zu sehen, ob das Boot noch dort lag.

Ihr Wagen rollte langsam über den Kai, vorbei an den weißen Rümpfen der Jachten und Fischerboote.

Dort, an genau demselben Liegeplatz, lag L’Espoir.

Und tatsächlich: Auf dem Deck stand Federico.

Er sah elend aus.

Sein teures Hemd war an den Manschetten zerknittert, seine Haare hingen unordentlich in die Stirn, und er schien wild mit jemandem zu telefonieren, während er nervös auf und ab ging.

Ein paar Meter weiter, auf dem Steg lehnend, stand Vanessa.

Sie trug immer noch ihr terrakottafarbenes Kleid, schien aber von Federicos panischem Zustand zunehmend genervt zu sein.

Sie tippte ungeduldig auf ihrem Smartphone herum und warf ihm gelegentlich verächtliche Blicke zu, als wäre er nicht der reiche Gönner, der ihr das luxuriöse Leben finanzierte, sondern eine lästige Fliege.