Dolores hielt das Auto in sicherer Entfernung an, schaltete den Motor ab, kurbelte das Fenster ein Stück herunter und beobachtete die Szenerie mit der distanzierten Neugier einer Wissenschaftlerin, die ein Experiment auswertet.
Sie sah, wie Federico das Handy absetzte, auf Vanessa zuging und gestikulierend auf sie einredete, während sie demonstrativ die Arme verschränkte und den Kopf wegdrehte.
Offensichtlich lief das neue Leben für den Herrn Ehemann nicht ganz so reibungslos, wie er es sich in seinen feuchten Träumen ausgemalt hatte.
Eine junge Frau, die nur auf Geld und Komfort aus war, hatte kein Mitleid mit einem alternden Mann, dessen Welt gerade in sich zusammenbrach.
Dolores lachte leise auf – ein befreiendes, ehrliches Lachen, das wie Musik in ihren Ohren klang.
Sie startete den Motor wieder, legte den Rückwärtsgang ein und wandte sich endgültig ab.
Kein Bedauern.
Kein Zorn mehr.
Nur noch eine tiefe, unerschütterliche Dankbarkeit dafür, dass ihr die Augen geöffnet worden waren, bevor es zu spät war.
Sie fuhr hinaus aus dem Hafen, auf die Autobahn in Richtung Süden, wo die weite, blaue See sie begleitete und wo ihre Tochter Sofia bereits auf sie wartete.
Mit jedem Kilometer, den sie hinter sich ließ, wurde die Vergangenheit blasser und die Zukunft heller.
Sie war fünffundsechzig Jahre alt.
Sie war klug, erfahren, finanziell abgesichert und zum ersten Mal in ihrem Leben absolut frei.
Und während die Abendsonne den Horizont in ein Feuer aus Rot und Gold tauchte, wusste Dolores ganz genau: Das Beste ihres Lebens fing jetzt erst an.