
Die Stille, die sich im Red Lion Pub ausbreitete, schien dichter zu sein als der gefrorene Schlamm, der draußen an den Hafenkais klebte.
Unter dem Leinenknoten spürte Aliyah das gleichmäßige, harte Pochen ihres zerrissenen Fleisches. Das Taschentuch – weich geworden durch mehr als ein Jahrzehnt des Gebrauchs, leicht duftend nach getrocknetem Lavendel und abgestandenem Tabak – sog das Purpurrot auf, das aus ihrer Handfläche quoll. Der winzige blaue Buchstabe E war bereits halb in einem dunklen, sich ausbreitenden Fleck versunken.
Victor Malenkov blinzelte nicht. Seine Hand umklammerte weiterhin ihre, sein Griff weder grausam noch sanft, sondern unnachgiebig wie eine eiserne Klammer. Sein Atem streifte ihre Schläfe, warm gegen die Kälte des Luftzugs, der durch den angelehnten Türrahmen pfiff.
„Da ist mein Blut dran“, wiederholte Aliyah mit rauer, erschöpfter Stimme. „Lass mich es sauber machen. Es … es gehörte jemandem, den du geliebt hast.“
Victor beugte sich vor. Die Bewegung war so langsam, so bedächtig, dass Aliyah sich nicht losreißen konnte. Seine Lippen schwebten nur wenige Zentimeter von ihrem Ohrläppchen entfernt. Als er sprach, war seine Stimme nicht mehr das raue Knurren, mit dem er den Wirt behandelt hatte, und auch nicht mehr der abgehackte Ton eines unantastbaren Gangsterbosses. Es war ein tiefes, raues Grollen, das direkt in ihrer Brust widerzuhallen schien.
„Behalt es“, flüsterte Victor. „Denn nach heute Nacht wirst du in dieser Stadt nie wieder für einen anderen Mann bluten.“
Aliyah stockte der Atem. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, nicht aus Angst, sondern aufgrund der erschreckenden Schwere seiner Worte.
Er ließ ihre Hand los. Das plötzliche Fehlen seiner Wärme ließ die kalte Luft des Zimmers doppelt so schmerzhaft wirken.
Victor stand auf. Mit seinen weit über 1,80 Metern schien er das dämmrige Licht der Taverne zu verschlucken. Sein maßgeschneiderter schiefergrauer Mantel saß faltenfrei, bis auf den dunklen Fleck ihres Blutes am Rand seiner linken Manschette.
Aus dem Schatten des Vorraums trat ein zweiter Mann hervor. Breit gebaut, mit der Stupsnase eines Boxers und kurzgeschorenem Haar über einer vernarbten Kopfhaut, bewegte er sich mit der tödlichen Geduld eines abgebrühten Wolfs. In der einen behandschuhten Hand hielt er einen Regenschirm, in der anderen einen schweren Lederkoffer.
„Das Auto steht am Bordstein, Chef“, sagte der Mann mit monotonem russischem Akzent. „Die Straße ist frei.“
„Lev“, sagte Victor, ohne sich umzudrehen. „Räum diesen Dreck weg. Zahl dem Besitzer das Fünffache des Schadens. Sorg dafür, dass niemand über das spricht, was an Tisch neun passiert ist.“
“Verstanden.”
Aliyah scrambled to steady herself against the edge of a nearby booth, her boots sliding slightly on the spilled beer and slick floorboards. “Wait—Mr. Malenkov. You can’t just pay off the bar and walk away like you own the place. I tripped over a chair. It was an accident.”
Victor stopped just before the brass latch of the exit. He turned slowly, his pale gray eyes cutting through the gloom, fixing on her face with an intensity that made her throat close up.
“Nothing in Boston is an accident, Miss Brooks,” he said softly.
Aliyah froze. He knows my name.
She had never worn a name tag. She had only worked the Thursday night shift at the Red Lion for three weeks, filling in for a girl who had abruptly moved out of state.
Before she could demand how he knew, the heavy oak door opened, swallowed Victor into the freezing rain, and clicked shut with the heavy finality of a cell door.
“Miss,” Lev grunted, pulling a thick envelope of hundred-dollar bills from his coat and tossing it onto the bar counter. “Take your coat. Go out the kitchen exit. My driver will take you to Massachusetts General.”
“I’m not going to Mass General,” Aliyah snapped, cradling her wrapped palm against her apron. Her stubbornness, the only armor she had possessed since her parents died four years ago, kicked in with a vengeance. “I’m a fourth-year nursing student. I have sterile gauze, betadine, and suture thread in my locker. I can patch my own hand.”
Lev studied her for a long moment. A faint, humorless smirk touched the corner of his mouth.
“You have a big mouth for a girl who makes seven dollars an hour plus tips,” he muttered. “The Boss gave an order.”
“Then tell your boss that patients who can walk don’t need an ambulance,” Aliyah shot back. She untied her grease-stained apron, threw it over the back of a barstool, and marched toward the employee locker room behind the kitchen.
Her knees were trembling. Her pulse was racing so violently that she could hear it drumming against her eardrums.
Inside the narrow, flickering bathroom, she leaned against the stained porcelain sink and stared at the mirror.