Kapitel 2 – Das Geheimnis unter dem Marmor
Die Stille im großen Flur dehnte sich wie eine gezogene Bogensehne.
Das leise Summen des Belüftungssystems des Anwesens war das einzige Geräusch, das blieb, nachdem die Diener in den stillen Nischen der steinernen Korridore verschwunden waren. Draußen peitschte der Herbstwind über den Hudson River und trieb dunkelgraue Wolken über die Eisentore des Moretti-Gebiets.
Rosa saß wie erstarrt auf dem kalten Marmorboden, die Arme so fest um die dreijährige Lily geschlungen, dass das Kind im Schlaf ein leises, schläfriges Knurren von sich gab. Lilys winzige Finger blieben locker um Alessandros Daumen gelegt, ihr Atem rhythmisch und schwer auf der Brust ihrer Mutter.
Don Alessandro Moretti zog seine Hand nicht zurück. Er blieb auf einem Knie hocken, sein anthrazitfarbenes Hemd straff über die Schultern gezogen, seine dunklen Augen mit einer erschreckend ruhigen Intensität auf Rosa gerichtet.
“Warum hast du mir nie gesagt, dass sie unsere Tochter ist?” wiederholte Alessandro leise, seine Stimme senkte sich um eine Oktave und trug die dunkle, gefährliche Resonanz, die erfahrene Soldaten sonst erzittern ließ. “Sie hat die Augen meiner Mutter. Ich wusste es in dem Moment, als ich sie heute Morgen im Licht sah. Und du wusstest es vier Jahre lang.”
Rosas Lippen zitterten, ihre rauen, schwieligen Hände strichen über den Stoff von Lilys Baumwollkleid. Tränen liefen lautlos über ihre Wimpern und zeichneten feuchte Spuren durch den Staub auf ihren Wangen.
“Wenn ich es dir gesagt hätte”, flüsterte Rosa, ihre Stimme kaum über den weiten Flur zu hören, “hätte sie niemals Frieden gefunden, Don Alessandro. Sie wäre in einen Krieg hineingeboren worden.”
Alessandro stand langsam auf, seine große Gestalt warf einen langen Schatten über den Marmorboden. Er reichte Rosa keine Hand, um ihr aufzuhelfen, und wich auch nicht zurück. Er starrte sie an, sein Kiefer spannte sich so fest an, dass ein Muskel entlang seines Wangenknochens zuckte.
“Vor vier Jahren”, murmelte Alessandro, sein Geist raste rückwärts durch die Zeit, um die zerbrochenen Fragmente einer Vergangenheit zusammenzusetzen, die er zu vergessen versucht hatte. “Vor vier Jahren, in der Nacht, als die Lagerhäuser in Brooklyn brannten… in der Nacht, in der mein Vater starb.”
“Du wurdest verwundet”, sagte Rosa, ihre Stimme wurde etwas lauter, als ihre Erinnerung Eindruck ergriff. “Du bist in die unteren Dienerquartiere in der Nähe des alten Kellers gestolpert. Deine Schulter wurde von Splittern aufgerissen. Du wolltest den Hausarzt nicht, weil du nicht wusstest, wer unter deinen Kapitänen deinen Vater verraten hatte.”
“Du hast das Blut gereinigt”, erinnerte sich Alessandro, seine Augen verengten sich, als die Erinnerung sich mit schmerzlicher Klarheit kristallisierte. “Du hast mich zwei Tage lang in diesem Keller versteckt, während meine Männer die Stadt durchsuchten. Ich habe dein Gesicht im Dunkeln nie klar gesehen… du hast die Lampen gedimmt.”
“Ich war siebenundzwanzig, die Tochter einer Witwe, die ihre erste Woche in deinem Team arbeitete”, flüsterte Rosa und hielt Lily fester an sich. “Du warst fiebrig, delirierend, hast mein Handgelenk gehalten und dachtest, ich sei ein Engel… und als das Fieber in der dritten Nacht endete, hast du mich in deine Arme genommen, bevor du in den Krieg nach Manhattan gegangen bist. Als du drei Wochen später als neuer Don zurückkehrtest, war ich nur noch eine weitere Magd in Uniform, und du warst ein König, der auf einem Thron aus Leichen saß.”
Alessandro atmete tief und beruhigend durch. Seine Brust hob und senkte sich scharf unter seinem makellosen Hemd. Er griff hinunter, schob seine große, warme Hand unter Rosas Ellbogen und hob sie mühelos auf die Beine.
“You should have come to me when you realized you were carrying her,” Alessandro said, his tone laced with a mixture of raw pain and cold anger. “You let my child sleep on a blanket in a kitchen pantry while I slept in a twelve-bedroom manor.”
“Look at where we are standing, Alessandro!” Rosa choked out, using his first name for the first time in four years, her dark eyes flashing with a sudden, fierce maternal fire. “Look at this house! It is surrounded by armed guards, iron gates, and men who kill for a living! Six months ago, you brought Isabella Romano into this house to secure an alliance with Chicago! If Vincent Romano found out you had a child with a maid—a child born out of wedlock with legitimate blood—what do you think would have happened to Lily?!”
The words hit Alessandro like a physical blow.
He looked down at the child resting in Rosa’s arms. Lily’s small face was serene, completely unaware that her existence was a live grenade capable of detonating a three-state mafia syndicate.