
Um 3:07 Uhr riss mein Bruder Jonas mich an den Haaren aus dem Bett, während mein Vater im Flur stand und lachte. Noch bevor ich richtig begriff, was passierte, wusste ich nur eines: Wenn ich diese Nacht wieder schweigend über mich ergehen ließ, würden sie morgen erneut behaupten, ich hätte alles erfunden.
Die Schlafzimmertür ging nicht auf. Sie schlug so hart gegen die Wand unserer Altbauwohnung in Leipzig-Gohlis, dass das gerahmte Foto auf meiner Kommode sprang. Für einen Moment lag ich nur da und starrte in den Lichtstreifen aus dem Flur.
Dann war Jonas bei mir.
Er sah nicht verwirrt aus. Nicht einmal besonders betrunken. Er sah entschieden aus, als hätte er sein Urteil längst gefällt und müsste es nur noch an mir vollstrecken.
Seine Hand griff in meine Haare, bevor ich mich aufsetzen konnte. Meine Kopfhaut brannte. Meine Schulter krachte gegen den Nachttisch, die Lampe fiel zu Boden, und mit einem scharfen Knall zerplatzte die Birne.
„Aufstehen“, zischte Jonas.
Ich packte sein Handgelenk mit beiden Händen. „Jonas, hör auf. Bitte.“
Er zog nur fester.
Meine Knie verfingen sich in der Bettdecke, während er mich über den Boden schleifte. Im Flur roch es nach kaltem Kaffee und dem Waschmittel, das meine Mutter immer kaufte. Ein völlig gewöhnlicher Geruch, und genau das machte alles noch schlimmer.
Dann sah ich meinen Vater.
Rolf Hartmann stand im Türrahmen, graue Haare zerdrückt vom Schlaf, alte Jogginghose, ausgewaschenes T-Shirt. Eine Hand lag locker am Rahmen. Er machte keinen Schritt auf mich zu.
Er lächelte.
„Da haben wir sie wieder“, sagte er leise und lachte. „Lena, immer das Opfer.“
Dieser Satz traf mich härter als die Wand, gegen die Jonas mich im nächsten Moment stieß.
Ich kannte ihn in hundert Varianten. Als Jonas mich mit siebzehn im Winter auf dem Balkon ausgesperrt hatte, hieß es, ich müsse ihn provoziert haben. Als meine Mutter Jahre später blaue Flecken an meinem Arm bemerkte, erklärte mein Vater, ich sei eben schon immer ungeschickt gewesen. Bei jedem Streit wurde ich zur Ursache, noch bevor ich wusste, was mir eigentlich vorgeworfen wurde.
Jonas drückte mich gegen die Tapete.
„Entschuldige dich.“
„Wofür?“
Das war die Frage, die in unserer Familie nie eine Antwort brauchte.
Er zog mich weiter ins Wohnzimmer. Meine Hüfte schlug gegen den Glastisch. Irgendetwas rutschte darüber, fiel auf den Teppich und blieb direkt neben meiner Hand liegen.
Mein Handy.
Jonas sah es ebenfalls.
Für eine Sekunde grinste er.
„Ruf doch jemanden an“, sagte er. „Mal sehen, wer dir diesmal glaubt.“
Im Treppenhaus knarrte eine Tür. Jemand war von dem Lärm wach geworden. Mein Vater blickte kurz zur Wohnungstür, aber nicht besorgt. Eher genervt darüber, dass es vielleicht einen Zeugen geben könnte.
Genau in diesem Moment schloss sich meine Hand um das Handy.
Meine Finger zitterten so stark, dass ich die erste Zahl zweimal antippen musste.
1.
1.
0.
Die Verbindung stand.
„Polizei, wo genau ist der Notfall?“
Die Stimme am anderen Ende war ruhig. Beinahe sachlich. Diese Ruhe brachte etwas in mir zum Einsturz.
„Mein Bruder greift mich an“, keuchte ich. „Bitte schicken Sie jemanden. Leipzig-Gohlis. Bitte.“
Jonas’ Gesicht veränderte sich.
Mein Vater hörte auf zu lachen.
Nur für einen Augenblick.
Dann stürzte Jonas nach vorn, packte mein Handgelenk und schlug mir das Telefon aus der Hand. Es rutschte unter den Couchtisch. Die Verbindung blieb offen.
„Du verdammte Lügnerin“, sagte Jonas.
Unter dem Tisch hörte ich die Stimme der Leitstelle nach mir rufen.
Und dann hörte ich meinen Vater, plötzlich mit diesem geduldigen Ton, den er nur für Fremde benutzte.
„Sie macht so etwas ständig, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“
Da verstand ich, was sie bereits taten.
Sie bauten die Geschichte, die sie der Polizei erzählen würden.
Sie waren darin geübt.
Nur wussten sie nichts von dem Rauchmelder über meinem Bücherregal.
Drei Wochen zuvor hatte Jonas mein Zimmer durchsucht, weil er überzeugt war, ich hätte ihm Geld weggenommen. Danach kaufte ich eine winzige Kamera und versteckte sie im Gehäuse des Rauchmelders. Ich erzählte niemandem davon. Nicht Freunden. Nicht meiner Mutter. Nicht einmal mir selbst sagte ich laut, warum ich sie brauchte.
Ich wusste nur, dass ich es nicht mehr ertrug, von Menschen für verrückt erklärt zu werden, die darauf angewiesen waren, dass niemand sah, was hinter unserer Wohnungstür geschah.
Als mein Blick dunkel wurde, versuchte ich noch, zwei Wörter in Richtung des offenen Telefons zu sagen.
„Die Kamera.“
Aber ich weiß bis heute nicht, ob überhaupt ein Ton herauskam.
Als ich wieder zu mir kam, brannte weißes Licht über dem Wohnzimmer. Zwei Polizeibeamte standen zwischen mir und Jonas. Einer stellte mir langsam Fragen, während Jonas plötzlich ganz leise sprach und mein Vater die Stirn in sorgenvolle Falten legte.
Dann hob die Beamtin den Blick zu meiner Schlafzimmertür, ging ein paar Schritte hinein und sah nach oben.
„Wer hat diesen Rauchmelder angebracht?“, fragte sie.
Ich öffnete den Mund.
Jonas wurde vollkommen still.
Und als die Beamtin die Hand nach dem Gehäuse ausstreckte, verschwand jede Farbe aus seinem Gesicht.
„Ich“, sagte ich.
Meine Stimme war heiser. „Da ist eine Kamera drin.“
Die Beamtin ließ die Hand sofort sinken und sah mich an. Ihr Gesicht änderte sich kaum, aber ihre Haltung schon. Auf einmal war da keine vorsichtige Unsicherheit mehr, sondern Konzentration.
„Ist das Ihre Kamera?“
Ich nickte.
„Haben nur Sie Zugriff darauf?“
„Ja.“
Jonas lachte kurz. Zu laut. Zu künstlich.
„Das ist doch krank“, sagte er. „Sie filmt uns heimlich und jetzt soll ich der Verrückte sein?“
Der zweite Beamte, ein älterer Mann mit müden Augen, hob nur die Hand.
„Sie sprechen gleich. Jetzt spricht Ihre Schwester.“
Es war ein kleiner Satz. Für ihn wahrscheinlich Routine.
Für mich war es das erste Mal in meinem Leben, dass jemand Jonas unterbrach, damit ich ausreden durfte.
Ich begann zu zittern.
Nicht wie vorher. Anders. Feiner. Als hätte mein Körper erst jetzt verstanden, dass er nicht mehr kämpfen musste.