Der Keller unter dem Grandeur Hotel war in den dem städtischen Bauinspektor vorgelegten Bauplänen nicht verzeichnet. Hinter einer verborgenen Tür im Hauptweinkeller befand sich ein schallisolierter Raum mit freiliegenden Ziegelwänden, einem einzelnen Betonablauf im Boden und einem schweren Stahltisch mit drei Stühlen.
Lena saß auf einem dieser Stühle, ihre Hände zitterten heftig in ihrem Schoß. Die Knöchel ihrer rechten Hand waren geschwollen, rot und pochten dumpf.
Zwei Stunden waren seit dem Vorfall im Ballsaal vergangen. Die Gäste waren nach einer systematischen Durchsuchung durch Romanos Männer entlassen worden. Die Polizei war nicht gerufen worden. In Victor Romanos Welt galt das Einschalten der Polizei als Eingeständnis von Inkompetenz.
Die schwere Stahltür quietschte in ihren Angeln, als sie sich öffnete.
Victor kam herein, gefolgt von Dmitri. Victor hatte sein Smokingjackett ausgezogen und die Ärmel seines strahlend weißen Hemdes bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, wodurch dunkle Tätowierungen alter italienischer Sprüche auf seinen Unterarmen sichtbar wurden. Er zog den Stuhl gegenüber von Lena heraus und setzte sich langsam.
Er legte einen weißen Eisbeutel auf den Stahltisch zwischen ihnen.
„Für deine Hand“, sagte Victor. Seine Stimme war ruhig, tief und sanft wie Rauchglas.
Lena starrte auf den Eisbeutel, dann zu seinem Gesicht hinauf. „Willst du mich umbringen?“
Ein schwaches, kaltes Lächeln huschte über Victors Lippen. „Wenn ich Sie töten wollte, Miss Hart, säßen Sie nicht mit einem Eisbeutel auf einem Stuhl. Sie lägen längst auf dem Grund des Hudson River.“
Er lehnte sich zurück und stützte die Hände auf die Armlehnen des Stuhls. „Ihr Name ist Lena Hart. Sechsundzwanzig Jahre alt. Seit drei Jahren und sieben Monaten im Grandeur angestellt. Keine Vorstrafen. Ein Bruder, Toby, vierzehn Jahre alt, der derzeit im Saint Jude’s Pavilion in Westchester betreut wird.“
Lenas Blut gefror zu Eis. „Woher weißt du das?“
„Ich weiß alles über jeden, der mein Gelände betritt“, erwiderte Victor ruhig. „Was ich nicht weiß, ist, wie eine Bankettangestellte Kaliumcyanid aus anderthalb Metern Entfernung erkennen konnte, bevor es ein geschultes Sicherheitspersonal bemerkte.“
Lena schluckte schwer, ihre Brust fühlte sich eng an. Mit ihrer zitternden linken Hand griff sie nach dem Eisbeutel und legte ihn auf ihre geschwollenen rechten Knöchel.
“Mein Vater”, flüsterte sie.
Victor hob eine Augenbraue. „Dein Vater?“
“He was a industrial chemist,” Lena said, her eyes fixed on the cold steel table. “He worked for a chemical manufacturing plant in Jersey. When I was twelve, he brought home safety manuals. He… he was obsessed with safety. He taught me the scents of volatile compounds. He told me that if champagne ever smelled like crushed bitter almonds or burnt sugar, you don’t drink it. You run.”
Victor stared at her for a long moment, evaluating her tone, her micro-expressions, the subtle tremor in her voice. Beside him, Dmitri remained motionless as a statue.
“You didn’t run,” Victor noted softly. “You hit a man surrounded by armed bodyguards.”
“I didn’t think,” Lena admitted, her voice dropping to a near-whisper. “I just saw you about to drink it. If I screamed, you might have swallowed it before understanding why. I… I did the only thing that would stop your hand instantly.”
Victor tilted his head slightly, acknowledging the cold logic of her response. “You broke my lip.”
“I’m sorry,” Lena said quickly, her eyes wide with genuine fear.
“Do not apologize,” Victor said, his tone sharpening slightly. “That split lip saved my life. Which brings us to a more pressing question.” He leaned forward, resting his elbows on the table, his dark eyes locking onto hers with suffocating intensity. “Did you see who put it in the glass?”
Lena hesitated.
The memory flashed through her mind: Leon Mercer’s left hand hovering over the tray near the service corridor, the subtle glint of his signet ring, the grey dust, and the furious glare he had directed at her after the glass shattered.
If she named Leon Mercer, she was accusing the second most powerful man in the Romano organization. If she was wrong, or if Victor chose to protect his inner circle over a maid’s word, she would disappear into the concrete floor beneath their feet.
“Miss Hart,” Victor said, his voice dropping an octave, carrying a dark, quiet promise. “You saved my life tonight. That places me in your debt—a position I find deeply uncomfortable, but one I respect absolutely. However, if you lie to me now, that debt is canceled.”
Lena drew a deep breath, steeling herself.
“It was Mr. Mercer,” she said clearly.
Dmitri let out a soft, sharp breath. Victor did not move a single muscle.
“Describe what you saw,” Victor commanded.