„Endlich. Ich habe mich gefragt, wo du steckst.“
Alexander schloss die Tür hinter sich.
„Du hast ein Auto auf deinen Namen zugelassen, das bei Merritts Unfall benutzt wurde.“
Richard blinzelte.
Nur einmal.
Doch Alexander bemerkte es.
„Was redest du da?“
„Ich habe die Aufnahme gesehen.“
Richard lachte kurz und schüttelte den Kopf.
„Dann hast du offenbar nicht verstanden, was du gesehen hast. Ich habe zahlreiche Fahrzeuge auf meinen Namen zugelassen. Geschäftswagen, Mietwagen, Fahrzeuge für unsere Immobiliengesellschaft. Das ist völlig normal.“
„Dieses Fahrzeug wurde drei Tage vor dem Unfall zugelassen.“
„Und?“
„Die Fahrerin war Sloane.“
Richard ging zum Tisch und nahm sein Glas.
„Du solltest dich beruhigen. Es war ein schrecklicher Abend. Merritt ist gestürzt, Sloane hat sich unangemessen verhalten, und du stehst unter Schock. Du solltest keine Entscheidungen treffen, solange du emotional aufgewühlt bist.“
Alexander starrte ihn an.
„Du klingst genau wie der Mann, der Merritt im Krankenhaus besucht hat.“
Richard hielt inne.
„Welcher Mann?“
„Ein angeblicher Vertreter der Familie. Er hat ihr gesagt, sie solle keine Fragen zu ihrem Unfall stellen. Er kannte private Informationen über sie und ihre Mutter.“
Richard stellte das Glas ab.
„Ich weiß nichts davon.“
„Dann wird es dir leichtfallen, der Polizei alles zu erklären.“
Zum ersten Mal verlor Richard seine Gelassenheit.
„Du willst die Polizei gegen deine eigene Familie einsetzen?“
„Ich will wissen, warum die Frau, die ich liebe, beinahe getötet wurde.“
„Du kennst nicht alle Fakten.“
„Dann erklär sie mir.“
Richard schwieg.
Alexander trat näher.
„Wer war der Mann auf dem Video?“
„Das Bild ist unscharf.“
„Es warst du.“
„Du bildest dir das ein.“
„Ich kenne dein Gesicht.“
Richard fuhr sich mit einer Hand über die Stirn.
„Alexander, du bist mein Neffe. Ich habe dich großgezogen. Ich habe mich um dich gekümmert, als deine Eltern starben. Ich habe deine Geschäfte geschützt, deine Verträge ausgehandelt und dafür gesorgt, dass du niemals allein dastehen musstest.“
„Ich weiß.“
„Dann solltest du mir vertrauen.“
Alexander schüttelte langsam den Kopf.
„Genau das ist das Problem. Ich habe dir immer vertraut.“
Ein Moment verging.
Dann fragte Alexander: „Warum wurde der Wagen auf deinen Namen zugelassen?“
Richard antwortete nicht.
„Warum warst du am Unfallort?“
Keine Antwort.
„Und warum hat Sloane behauptet, du hättest sie eingeladen?“
Richard hob den Kopf.
„Was?“
„Sie sagte heute Abend, du hättest sie eingeladen. Du wusstest, dass sie kommen würde.“
Richard starrte ihn an.
Dann wurde sein Gesicht hart.
„Sloane ist eine gefährliche Frau. Wenn sie versucht, dich gegen mich aufzubringen, solltest du dich nicht von ihr manipulieren lassen.“
„Sie hat Merritt die Treppe hinuntergestoßen.“
„Und du hast es gesehen. Dann lass die Polizei ihre Arbeit machen.“
„Das werde ich.“
Richard ging zur Tür.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust.“
Alexander stellte sich ihm nicht in den Weg.
„Das hoffe ich auch.“
Richard blieb kurz stehen.
„Deine Mutter hätte nicht gewollt, dass du die Familie wegen einer Frau zerstörst, die du erst seit kurzer Zeit kennst.“
Alexander erstarrte.
„Sprich nicht über meine Mutter.“
„Sie hat ihr Leben lang versucht, dieses Familienvermögen zusammenzuhalten.“
„Und du hast es benutzt, um Menschen zum Schweigen zu bringen?“
Richard drehte sich langsam um.
„Pass auf, Alexander. Nicht jede Wahrheit ist so einfach, wie sie aussieht.“
„Dann ist es Zeit, dass ich die ganze Wahrheit erfahre.“
Richard betrachtete ihn einige Sekunden lang.
Schließlich öffnete er die Tür.
„Du wirst dir wünschen, diese Nacht vergessen zu können.“
Dann ging er.
Alexander blieb allein im Salon zurück.
Er wartete, bis die Schritte seines Onkels verklungen waren. Danach rief er Thomas an.
„Ich brauche alles, was du über Richard, Sloane und das Fahrzeug herausfinden kannst. Zulassungsunterlagen, Zahlungswege, Kamerabilder, Telefonverbindungen. Alles, was rechtmäßig beschafft werden kann.“
„Verstanden, Sir.“
„Und Thomas?“
„Ja?“
„Lass niemanden aus der Familie wissen, was wir als Nächstes tun.“
Thomas schwieg kurz.
„Es gibt noch etwas, das Sie wissen sollten.“
Alexander schloss die Augen.
„Was?“
„Die Kamera, die den Unfallwagen aufgenommen hat, ist nicht die einzige. Wir haben eine weitere Aufnahme gefunden. Sie stammt von einer privaten Überwachungskamera in der Tiefgarage eines Hotels.“
„Was zeigt sie?“
„Sloane und Richard. Sie treffen sich am Abend vor dem Unfall.“
Alexander blickte zur Tür, durch die sein Onkel gerade verschwunden war.
„Schick mir die Aufnahme.“
„Ich bin bereits dabei.“
Alexander legte auf.
Draußen begann der Regen stärker gegen die Fenster zu schlagen.
Und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, ob sein Familienname nicht nur ein Erbe war.
Vielleicht war er auch eine Warnung.
Am nächsten Morgen traf Alexander Thomas in einem privaten Besprechungsraum im obersten Stockwerk des Sterling-Gebäudes.
Die Stadt lag unter einer grauen Wolkendecke. Auf den Straßen bewegten sich die Menschen, als wäre nichts geschehen. Zeitungen wurden verteilt, Cafés öffneten ihre Türen, und in den Büros begannen Mitarbeiter ihre Arbeit.
Doch in Alexanders Welt hatte sich alles verändert.
Thomas legte einen Laptop auf den Tisch.
„Die Aufnahme wurde von einer Kamera an der Einfahrt einer Tiefgarage gemacht. Die Zeitangabe ist zuverlässig. Sloane kam um 21.14 Uhr an. Richard war bereits dort.“
Alexander setzte sich.
„Spiel sie ab.“
Auf dem Bildschirm erschien eine Tiefgarage. Ein schwarzer Wagen fuhr ins Bild und hielt neben einem grauen Geländewagen. Sloane stieg aus. Richard wartete bereits neben einer Betonstütze.
Die Kamera hatte keinen Ton.
Doch die Gesten waren deutlich.
Sloane sprach schnell, ihre Arme bewegten sich hektisch. Richard blieb ruhig. Schließlich reichte er ihr einen kleinen Umschlag.
Sloane öffnete ihn, warf einen Blick hinein und steckte ihn in ihre Handtasche.
Dann deutete sie auf ihr Telefon.
Richard schüttelte den Kopf.
Sloane packte ihn am Arm.
Er befreite sich und zeigte auf die Ausfahrt.
Das Gespräch endete damit, dass Sloane wütend davonstürmte.
Alexander beugte sich vor.
„Was war in dem Umschlag?“
„Das wissen wir nicht“, sagte Thomas. „Aber wir haben die Buchungen des Parkhauses und die Fahrzeugdaten überprüft. Richard verließ die Tiefgarage zwölf Minuten nach Sloane.“
„Kannst du herausfinden, wohin das Geld geflossen ist?“
„Wir haben einen Anfang. Die Zulassung des Unfallwagens wurde über eine kleine Vermögensverwaltung bezahlt. Diese Gesellschaft gehört offiziell einem ehemaligen Geschäftspartner von Richard.“
Alexander rieb sich über das Gesicht.
„Offiziell?“