„Ja“, sagte Helena. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn Ihre Vermutung stimmt, könnte jemand ein Interesse daran haben, dass diese Frau niemals spricht.“

Alexander beendete das Gespräch und sah Thomas an.

„Wir werden nicht einfach dorthin fahren und eine Tür aufbrechen.“

Thomas nickte.

„Wir informieren die Polizei und legen die Unterlagen vor.“

„Und wir sorgen dafür, dass die zuständigen Stellen die Einrichtung überprüfen.“

Noch am selben Tag übergaben sie die relevanten Dokumente den Ermittlern. Die Polizei leitete weitere Schritte ein, prüfte die Zahlungen und beantragte die notwendigen rechtlichen Maßnahmen, um Zugang zu den Unterlagen des Lindenhofs zu erhalten.

Drei Tage später kam der Anruf.

Eine Frau namens Evelyn Mercer war tatsächlich im Lindenhof untergebracht.

Sie lebte.

Und sie hatte seit Jahren keinen direkten Kontakt zu ihrer Familie.

Als Alexander die Nachricht hörte, setzte er sich langsam.

Er dachte an seine Mutter.

An den Brief.

An die Tonaufnahme.

Und an den Satz, den Richard in der Aufnahme gesagt hatte:

Dann solltest du schweigen.

Vielleicht war die Frau im Lindenhof der Grund gewesen, warum seine Mutter so verzweifelt versucht hatte, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Vielleicht war sie die Person, die erklären konnte, was wirklich geschehen war.

Und vielleicht hatte Alexander gerade den ersten Schritt getan, um nicht nur Merritt, sondern auch das Vermächtnis seiner Mutter zu schützen.

Evelyn Mercer war zweiundsechzig Jahre alt.

Als die Ermittler sie im Lindenhof befragten, war sie körperlich geschwächt, aber bei klarem Verstand. Sie erklärte, dass sie ursprünglich freiwillig in der Einrichtung gewesen sei, nachdem sie unter erheblichem Stress zusammengebrochen war.

Doch als sie die Einrichtung wieder verlassen wollte, hatte man ihr mitgeteilt, dass ihre Behandlung noch nicht abgeschlossen sei.

Sie habe mehrfach um ein Gespräch mit einem unabhängigen Arzt gebeten.

Ihre Anfragen seien verzögert worden.

Ihre Telefonate mit Familienmitgliedern seien eingeschränkt worden.

Und als sie schließlich schriftlich um ihre Entlassung gebeten habe, sei ihr erklärt worden, dass sie sich in einem Zustand befinde, in dem sie keine eigenständigen Entscheidungen treffen könne.

Die Ermittler prüften ihre Angaben.

Sie forderten medizinische Unterlagen an, sprachen mit ehemaligen Mitarbeitern und überprüften die Zahlungsströme.

Es zeigte sich, dass die Einrichtung über mehrere Jahre Geld von Gesellschaften erhalten hatte, die mit Richard Sterling verbunden waren.

Das allein bewies noch nicht, dass Richard die Behandlung von Evelyn rechtswidrig beeinflusst hatte.

Doch Evelyn besaß etwas, das die Ermittler aufhorchen ließ.

Eine Kopie eines Briefes, den sie vor Jahren an Alexanders Mutter geschrieben hatte.

Darin erklärte sie, dass sie Beweise für unrechtmäßige Überweisungen aus der Stiftung besitze. Sie nannte mehrere Konten und beschrieb, wie Gelder zunächst als Verwaltungskosten verbucht und anschließend über Zwischenfirmen weitergeleitet worden waren.

Am Ende stand ein Satz:

Ich habe Angst, dass Richard herausfindet, dass ich noch eine Kopie der Originalunterlagen besitze.

Als Alexander davon erfuhr, bat er um ein Treffen mit Evelyn.

Die Ermittler stimmten zu, nachdem ihre Sicherheit gewährleistet war.

Er traf sie in einem neutralen Besprechungsraum, in Anwesenheit ihrer Anwältin und einer Ermittlerin.

Evelyn trug eine dunkelblaue Strickjacke. Ihre Hände lagen gefaltet auf dem Tisch.

Als Alexander eintrat, sah sie ihn lange an.

„Sie sehen Ihrem Vater ähnlich“, sagte sie.

Alexander setzte sich ihr gegenüber.

„Sie kannten meinen Vater?“

„Ich kannte ihn nicht gut. Aber ich habe einige Male mit ihm gearbeitet. Er war ein schwieriger Mann, aber er glaubte daran, dass Versprechen eingehalten werden müssen.“

„Und mein Onkel?“

Evelyn senkte den Blick.

„Richard war anders. Er glaubte, dass jedes Problem gelöst werden könne, wenn man genug Geld und Einfluss besaß.“

Alexander wartete.

„Was ist damals passiert?“

Evelyn atmete tief durch.

„Ich arbeitete in der Finanzabteilung einer Firma, die mit Ihrer Familie Geschäfte machte. Ich bemerkte Überweisungen, die keinen nachvollziehbaren Zweck hatten. Zunächst hielt ich sie für Fehler. Als ich nachfragte, wurde mir gesagt, ich solle mich um meine eigenen Aufgaben kümmern.“

„Dann?“

„Ich fand weitere Unterlagen. Ich erkannte, dass Gelder aus einer Stiftung abgezweigt wurden, die Menschen nach Unfällen helfen sollte. Ich hatte selbst eine Schwester, die nach einem Unfall monatelang Unterstützung gebraucht hatte. Ich konnte nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen.“

Sie hielt kurz inne.

„Ich wandte mich an Ihre Mutter.“

Alexander spürte einen Kloß im Hals.

„Sie wollte Ihnen helfen.“

Evelyn nickte.

„Sie war die erste Person, die mir wirklich zuhörte. Sie versprach, die Unterlagen zu prüfen. Sie sagte, dass sie niemanden beschuldigen würde, bevor sie die Wahrheit kannte.“

„Warum landeten Sie im Lindenhof?“

Evelyn faltete die Hände fester.

„Ich war nach einem Autounfall ohnehin gesundheitlich angeschlagen. Als ich mit Ihrer Mutter Kontakt aufnahm, bekam ich plötzlich Schwierigkeiten bei der Arbeit. Meine Unterlagen verschwanden. Dann wurde ich krank, und meine Familie brachte mich in eine Einrichtung, die angeblich auf Rehabilitation spezialisiert war.“

„War Richard daran beteiligt?“

„Ich kann nicht beweisen, dass er meinen ursprünglichen Unfall verursacht hat“, sagte Evelyn. „Ich werde keine Behauptung aufstellen, die ich nicht belegen kann. Aber ich kann beweisen, dass seine Firmen Zahlungen an die Einrichtung geleistet haben. Und ich kann bezeugen, dass ein Mitarbeiter mir sagte, ich solle nicht versuchen, Kontakt zu Ihrer Mutter aufzunehmen.“

„Wer war dieser Mitarbeiter?“

„Ein Mann namens Martin Keller. Er arbeitete damals für Richard.“

Alexander notierte den Namen.

„Und meine Mutter?“

Evelyn sah ihn traurig an.

„Sie besuchte mich einmal. Sie wollte mich aus der Einrichtung holen und mir helfen, einen Anwalt zu finden. Aber sie war bereits sehr krank. Sie sagte, sie werde die Unterlagen sicher aufbewahren und dafür sorgen, dass ich nicht vergessen werde.“

Alexander konnte kaum sprechen.

„Warum hat sie mir nichts davon erzählt?“

„Vielleicht wollte sie Sie schützen. Vielleicht hoffte sie, dass sie alles lösen könnte, bevor es Sie erreicht.“

Evelyn griff in ihre Tasche und holte eine kleine Mappe hervor.

„Ich habe das all die Jahre aufbewahrt. Es sind Kopien der Unterlagen, die ich damals gefunden habe. Die Originale sind verschwunden, aber diese Kopien zeigen die Kontobewegungen und die Namen der Zwischenfirmen.“

Sie schob die Mappe über den Tisch.

„Ich hätte sie schon früher übergeben sollen. Aber ich hatte Angst.“

Alexander nahm sie nicht sofort.

„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“

Evelyn sah ihn überrascht an.