Vincent sah sie an. „Weil ich dort erfahren habe, was sie wirklich wollte. Sie wollte, dass der Arzt oder seine Mitarbeiterin die Information über die Zwillinge zurückhält. Sie wollte nicht, dass Mr. Russo erfährt, dass es zwei Kinder sind. Sie hat gesagt, ein Kind sei leichter zu nehmen als zwei. Ich habe ihr gesagt, dass ich das nicht tue. Ich habe ihr gesagt, dass ich kein Kind verletzen werde.“
„Und trotzdem sind Sie in mein Haus gekommen“, sagte Emily leise.
„Ja“, antwortete Vincent. „Vanessa hat mir gesagt, ich solle nur das Telefon nehmen und gehen. Sie hat gesagt, Mrs. Russo würde dann schon nachgeben und die Papiere unterschreiben. Ich bin gekommen, weil ich sehen wollte, ob es wirklich nur darum geht. Aber als ich Mrs. Russo sah, in dieser Uniform, mit Schmerzen, da habe ich verstanden, dass ich schon zu weit gegangen bin. Ich habe nach dem Telefon gegriffen, weil ich dachte, ich müsse es schnell hinter mich bringen. Sie ist zurückgewichen. Sie ist gefallen. Ich habe sofort den Notruf gewählt. Ich bin geblieben, bis der Krankenwagen da war. Ich habe den Sanitätern gesagt, was geschehen ist.“
Dante sah ihn lange an. Er glaubte ihm nicht sofort. Er ließ Ferrante Vincents Aussage prüfen. Ferrante fand heraus, dass Vincent tatsächlich den Notruf gewählt hatte, dass seine Nummer im Protokoll stand, und dass er am Tag vor dem Vorfall in der Arztpraxis laut mit Vanessa gestritten hatte. Eine Mitarbeiterin der Praxis erinnerte sich daran. Sie sagte, Vincent habe gesagt: „Ich mache bei einer Sache mit, die ein Kind gefährdet, nicht mit.“
Vincent übergab Dante auch Nachrichten von Vanessa. Darin stand, dass sie Dante nach der Geburt dazu bringen wollte, das Sorgerecht zu beantragen, und dass sie selbst als neue Frau an seiner Seite die Kinder großziehen wollte. Sie schrieb, Emily sei schwach und wertlos, und nach der Geburt werde niemand mehr nach ihr fragen. Diese Nachrichten waren der deutlichste Beweis dafür, dass die Drohung mit den Kindern kein Missverständnis war, sondern ein Plan.
„Ich will keine Entschuldigung, die alles ungeschehen macht“, sagte Vincent. „Ich war Teil davon. Ich stelle mich der Polizei und sage alles aus. Wenn ich dafür bestraft werde, dann ist das richtig. Aber ich will nicht, dass Mrs. Russo glaubt, ich hätte sie absichtlich die Treppe hinuntergestoßen. Das habe ich nicht. Ich habe sie nicht angefasst. Ich habe nach dem Telefon gegriffen, und sie ist gefallen, weil sie Angst hatte. Diese Angst habe ich mitverursacht. Das trage ich.“
Emily schwieg lange. Dann sagte sie: „Ich habe Angst vor Ihnen gehabt. Aber ich habe auch gesehen, dass Sie geblieben sind und Hilfe geholt haben. Ich will, dass Sie die Wahrheit sagen, vollständig. Mehr verlange ich nicht. Was das Gericht entscheidet, das entscheidet das Gericht.“
Dante nickte. Er ließ Vincent nicht frei herumlaufen, ohne dass Ferrante alles dokumentierte. Aber er ließ ihn auch nicht von seinen Leuten bedrohen. „Die Wahrheit ist stärker als jede Drohung“, sagte er zu Ferrante. „Wenn wir ihn einschüchtern, dann ist seine Aussage wertlos. Wenn er freiwillig spricht, dann glaubt ihm jeder.“
Eine Woche später fand das Treffen statt, vor dem Vanessa sich offenbar am meisten gefürchtet hatte. Es fand nicht in der Villa statt und nicht in einem Restaurant, in dem sie sich sicher fühlte. Es fand in Ferrantes Kanzlei statt, in einem ruhigen Raum mit einem langen Tisch, an dem Dante, Ferrante, Emily und Vanessa saßen. Emily war aus dem Krankenhaus gekommen, nur für dieses Treffen, begleitet von einer Schwester, die draußen wartete. Sie trug kein Schwarz mehr. Sie trug ein einfaches dunkelblaues Kleid, das ihr über den Bauch passte, und sie hielt Dantes Hand.
Vanessa kam herein, als gehöre ihr der Raum. Sie trug die Diamantkette. Sie lächelte, als sie Emily sah, und sagte: „Du siehst erholt aus. Das freut mich.“
Dante sagte nichts. Ferrante legte einen Ordner auf den Tisch und öffnete ihn langsam. Darin lagen die Scheidungspapiere, das Gutachten des Handschriftensachverständigen, die Flugdaten aus New York, Marcos Aussage, Rosas Aussage und die ausgedruckten Nachrichten, die Vincent übergeben hatte.
„Miss Laurent“, sagte Ferrante ruhig, „Sie haben Mrs. Russo Scheidungspapiere gezeigt, die nicht von Mr. Russo unterschrieben wurden. Die Unterschrift ist gefälscht. Sie haben dem Fahrer verboten, eine schwangere Frau ins Krankenhaus zu fahren. Sie haben Mrs. Russo gezwungen, eine Dienstmädchenuniform zu tragen. Sie haben eine Halskette getragen, die nicht Ihnen gehört. Und Sie haben damit gedroht, dass Mrs. Russo nach der Geburt ihre Kinder verlieren werde.“
Vanessa lachte kurz, aber ihr Lachen klang dünn. „Das ist übertrieben. Dante und ich, wir haben doch nur…“
„Nein“, unterbrach Dante sie. Seine Stimme war ruhig, aber jeder im Raum hörte, dass es keine Verhandlung mehr gab. „Es gibt kein Wir mehr, Vanessa. Nicht geschäftlich, nicht privat, nicht in meinem Haus. Du hast meine Frau gedemütigt, als sie Hilfe brauchte. Du hast ihr mit ihren Kindern gedroht. Du hast Papiere gefälscht, die mein Leben betreffen. Das ist vorbei.“
Vanessa sah zu Emily. „Du glaubst doch nicht, dass er dich wirklich will“, sagte sie. „Er hat mich zu jedem Essen mitgenommen. Er hat mich überall vorgestellt. Du warst nur die Frau zu Hause.“
Emily antwortete selbst, leise, aber ohne zu zittern. „Ich war die Frau zu Hause, weil ich unser Zuhause gehalten habe, während du dich darin wie eine Herrin aufgeführt hast. Ich war schwanger, ich war müde, und ich habe mich klein machen lassen. Aber ich bin nicht wertlos. Ich bin die Mutter seiner Kinder. Und ich bin nicht deine Angestellte. Ich habe dir nie erlaubt, meine Kette zu tragen. Ich habe dir nie erlaubt, über mein Leben zu entscheiden. Und ich erlaube dir jetzt auch nicht, mir noch einmal Angst zu machen.“