Lily stockte der Atem. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. “Mr. DeLuca, ich kann das nicht annehmen. Ich habe das nicht wegen des Geldes gemacht—”

“Du hast es nicht wegen des Geldes getan. Genau deshalb bekommst du es”, sagte Marco. Seine Augen hielten ihre mit einer Intensität, die ihren Puls schneller schlagen ließ. “Du hast meine Mutter beschützt, als mein leiblicher Bruder sie verraten hat. In meiner Welt, Lily, wird Loyalität nicht mit einem Firmenbonus belohnt. Es wird mit Leben belohnt.”

“Marco hat recht”, sagte Maria, ihre Stimme zitterte vor Emotionen. “Antonio kümmerte sich immer um diejenigen, die am Kamin standen. Behalte die Karte, Lily. Wenn du meinen Sohn beleidigst, indem du seine Ehre verweigerst, beleidigst du mich.”

Lily wischte sich eine abtrünnige Träne von der Wange und nickte, während sie die kleine Titankarte an ihre Brust presste. “Danke. Ihr beide.”

Frank drehte das Lenkrad scharf und fuhr den SUV in eine enge Gasse hinter einem alten, dreistöckigen Backsteingebäude.

Das Neonschild über dem vorderen Vordach war dunkel, aber die verblassten, bemalten Buchstaben auf dem Ziegel blieben unter der Straßenlaterne sichtbar: **DELUCAS URSPRÜNGLICHE KÜCHE – GEGRÜNDET 1974.**

Das Restaurant war seit drei Monaten für die Öffentlichkeit geschlossen, angeblich wegen “Renovierungen”, die von Serena Whitmore angeordnet wurden. In Wirklichkeit bedeckten Sperrholzplatten die vorderen Fenster, und gelbes Bauband flatterte im feuchten Wind.

“Wir sind da, Chef”, sagte Frank, stellte das Fahrzeug in den Park und stellte den Motor ab.

Marco öffnete seine Tür und trat hinaus in den Regen. Es war ihm egal, dass der Regen, der seinen dreitausend Dollar teuren Anzug durchnässte. Er ging sofort zur Beifahrerseite, öffnete die Tür und streckte seine große, warme Hand aus.

Lily blickte auf. Einen Moment lang dachte sie, er würde nach seiner Mutter greifen, aber Marco sah sie direkt an.

Sie legte ihre kleinere Hand in seine. Sein Griff war fest, schwielig, aber überraschend sanft, als er ihr half, auf das nasse Kopfsteinpflaster zu steigen, sie mit seinem breiten Körper vor dem Regen schützte, bevor er sich seiner Mutter zuwandte.

Marco blickte zu dem dunklen Gebäude seiner Kindheit hinauf.

“Frank, schließe die hintere Speisekammertür auf”, befahl Marco. “Mal sehen, was mein Bruder und Richard Hale so begierig waren zu zerstören.”

***

Kapitel 3 – Blut gegen Blut

Das Schloss der schweren Eisen-Hintertür gab mit einem trockenen Stöhnen nach.

Die Luft in der dunklen Küche roch nach feuchtem Mauerwerk, kaltem Eisen und jahrzehntelangem Knoblauch, gerösteten Paprika und karamellisierten Zwiebeln, die so tief in die Gipswände eingebrannt waren, dass vierzig Jahre sie nicht wegwaschen konnten.

Frank schaltete den Wandschalter um. Leuchtstoffröhren flackerten, summten laut, bevor sie einen grellen weißen Schein über den Vorbereitungsbereich warfen.

Lily blickte ehrfürchtig umher. Das war nicht das funkelnde Edelstahllabor des Flaggschiffrestaurants in Midtown, wo alles aus Chrom, digitalen Thermometern und sterilem Glas bestand. Das war eine echte italienische Küche. Schwere Metzgerplattentische, vernarbt von tausenden Messerschnitten. Riesige Kupfer-Stocktöpfe, die an schmiedeeisernen Deckenhaken hängen. Ein massiver, gemauerter Pizzaofen dominierte wie ein schlafendes Tier die gegenüberliegende Wand.

Maria trat durch die Tür und stieß einen langen, zitternden Seufzer aus. Sie ging zum Schlachtblock und fuhr mit zitternden Fingern über das Holz.

“Sechsundvierzig Jahre”, flüsterte sie. “Antonio ritzte unsere Initialen unter den Rand dieses Tresens in der Nacht, als wir unseren ersten Fleischverkäufer bezahlt haben.”

Marco ging direkt auf den Backsteinofen zu.

Er hielt inne. Seine Augen verdunkelten sich.

Auf dem gefliesten Boden vor dem Ofen lagen schwere Industriewerkzeuge: ein pneumatischer Presslufthammer, zwei Vorschlaghämmer und Säcke mit gewerblichem Mauerwerk. Jemand hatte bereits begonnen, an den dekorativen Keramikfliesen rund um den Kamin zu arbeiten.

“Sie haben schon funktioniert”, murmelte Frank und stellte sich neben Marco, seine Hand instinktiv auf seiner Pistole ruhend. “Dominic hat nicht einmal auf den Abschluss des Verkaufsvertrags gewartet. Er hatte hier am Wochenende eine private Crew.”

“Sie haben es nicht gefunden”, sagte Maria ruhig und ging zum hinteren Teil des Ofens, wo eine alte Vorratskammer mit leeren Tomatenkisten stand.

Lily folgte dicht hinter Maria. “Mrs. DeLuca, Serena hat mir gesagt, dass die Archive unter dem Ofenboden sind. Deshalb hat Dominic die Presslufthämmer mitgebracht.”

Ein schwaches, spöttisches Lächeln umspielte Marias gealterte Lippen. “Männer schauen immer dorthin, wo das Feuer am hellsten brennt. Antonio wusste das.”

Maria griff hinter das unterste Regal der Speisekammer, vorbei an Stapeln staubiger San-Marzano-Dosen von vor zwanzig Jahren. Ihre Hand tastete über den rauen Mörtel zwischen den Grundsteinen. Sie drückte einen rechteckigen Stein nach innen.

Ein gedämpftes *Klack* hallte hinter dem Mauerwerk.

Marco trat sofort vor. “Geh zurück, Ma.”

Mit beiden Händen griff Marco den Holzrahmen des Regals. Mit einer Welle enormer körperlicher Kraft, die den Stoff seines Anzugs über die Schultern belastete, zog er das gesamte Regal nach außen. Er drehte sich sanft auf versteckten Stahlscharniere, wodurch ein dunkler, vertikaler Kriechkeller sichtbar wurde, der in die Erde unter dem Boden hinabstieg.

Lily schnappte nach Luft. “Ein Unterkeller?”

“Antonio hat es nachts selbst mit einer Grabenschaufel ausgegraben”, sagte Maria. “Er hat allen erzählt, dass er ein geplatztes Abwasserrohr repariert. Frank, bring die Taschenlampe.”

Frank reichte Marco eine hochintensive taktische Taschenlampe. Marco strahlte das weiße Licht die schmalen Steintreppen hinunter.

“Bleib hier, Lily”, sagte Marco leise.

“Nein”, sagte Lily, bevor sie sich zurückhalten konnte.

Marco hielt inne und drehte den Kopf, um sie anzusehen.

Lily errötete unter seinem Blick, aber sie sah nicht weg. “Serena hat Dominic vor drei Tagen eine Reihe von Seriennummern gegeben. Sie hatte eine Liste aus den Familienarchiven von Richard Hale. Wenn du nach den spezifischen Hale-Syndikat-Büchern suchst, habe ich die Referenzcodes auswendig gelernt, als sie mich gezwungen hat, ihre privaten Prüfungsblätter zu scannen.”

Marco studierte ihr Gesicht drei lange Beats. Ein langsamer, gefährlicher Respekt flackerte in seinen Augen.

“Komm mit mir”, sagte Marco.

Marco stieg als Erster hinab und testete jede Steinstufe. Lily folgte, ihre Hand strich über die kalten, feuchten Steinwände. Frank blieb oben mit Maria und bewachte die Schwelle.

Der Keller unter dem Restaurant war klein, nicht größer als ein acht mal acht Zimmer, das aus dem Felsgrund von Brooklyn gehauen war. Die Luft war kalt und roch nach uraltem Boden und nassem Eisen.

In der Mitte des Erdbodens befand sich kein Tresor, sondern ein altes, schweres Olivenölfass, das mit Industrieschweißen versiegelt war.

Marco kniete sich davor. Neben der Trommel lagen ein Winkelschleifer und ein alter Acetylenbrenner, den Antonio vor Jahrzehnten zurückgelassen hatte.

“Er hat kein Papier in einem Umschlag vergraben”, sagte Marco und leuchtete auf die geschweißte Naht der Trommel. “Er hat es mit Stickstoff versiegelt.”

Lily kniete sich neben Marco, die Nähe ließ ihr Herz wild schlagen. Sie konnte den frischen Zitrusduft seines Kölnischwassers riechen, vermischt mit der metallischen Kälte des Kellers.

“Der Code, den Serena gesucht hat”, sagte Lily, ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. “Es war H-76-Comptroller. Hales Großvater benutzte eine kommunale Registrierungsnummer, um die Bestechungsgelder zu verbergen.”

Marco sah auf die Trommel. Auf dem Eisenrand war eine markierte Seriennummer geprägt: **H-76-C**.

Marco ließ ein kaltes, humorloses Lachen hören. “Mein Vater hat nicht nur Bücher geführt. Er bewahrte die ursprünglichen Kassierer-Schecks auf. Die, die Richard Hales Großvater benutzt hat, um die Piers am Wasser von der Mafia zu kaufen.”