Kapitel 1: Das Geständnis
Die Marmorböden des Penthouses waren kalt, doch die Atmosphäre war zum Kochen gebracht. Victoria, in einem auffälligen roten Seidenpyjama, überragte die verängstigte Maria, das Dienstmädchen des Anwesens. Das junge Dienstmädchen, in traditioneller schwarz-weißer Uniform, presste sich an den polierten Stein und schluchzte hemmungslos. Victoria umklammerte eine schlanke Reitgerte, ihr Gesicht zu einer Maske absoluter Wut verzerrt.
„Gesteh schon, du Dreckskerl!“, schrie Victoria, ihre Stimme hallte von den gewölbten Decken des Flurs wider. Sie hatte diesen Abend akribisch geplant, und der fehlende Tresorinhalt war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Maria weinte und schüttelte heftig den Kopf, unfähig, ein Wort herauszubringen.
Bevor Victoria zuschlagen konnte, öffneten sich die schweren Mahagoni-Doppeltüren mit einem Klicken. Julian trat ein. Er trug einen eleganten, zweireihigen schwarzen Anzug, sein Gesichtsausdruck wirkte unheimlich ruhig im Vergleich zu der Hysterie im Raum. In seiner linken Hand hielt er Victorias charakteristische schwarze Louis-Vuitton-Reisetasche.
Kapitel 2: Die Fallfedern
Victoria erstarrte, ihr rotes Haar fiel ihr über die Schultern, als sie Julian abrupt anblickte. „Was machst du mit meiner Tasche?“, fragte sie entrüstet.
Julian blinzelte nicht. Er blieb ein paar Schritte vor ihr stehen, sein Blick kalt und berechnend. „Du hast diese Tasche gepackt“, sagte er mit tiefer, gefährlicher Stimme.
„Wovon redest du?“, zischte Victoria und wandte sich von dem weinenden Dienstmädchen ab, um ihm gegenüberzutreten.
Mit bedächtiger Langsamkeit stellte Julian die Tasche auf einen nahegelegenen Konsolentisch und öffnete den Reißverschluss. Der schwere Messingreißverschluss gab den Blick auf das Innere frei. Sorgfältig gestapelt lagen ordentliche Bündel Hundert-Dollar-Scheine, und perfekt darauf ruhte eine massive, funkelnde Diamantkette in Tropfenform – die legendäre „Träne des Zaren“.
Victoria stockte der Atem. Diese Halskette sollte sich im Haupttresor befinden, genau das Schmuckstück, dessen Diebstahl sie Maria vorwarf.
Julian griff in seine Tasche und zog eine elegante Fernbedienung heraus. Er richtete sie auf die Wand, wo ein großer Flachbildfernseher aufleuchtete. Darauf liefen Schwarz-Weiß-Aufnahmen einer Überwachungskamera vom frühen Abend, genau datiert auf 22:16 Uhr. Deutlich zu sehen war Victoria in ihrem roten Kostüm, wie sie hektisch Geldscheine und den Diamanten in genau diese Louis-Vuitton-Tasche stopfte.
Julian lächelte, ein räuberisches, eiskaltes Grinsen. „Du hast kein Hirn“, flüsterte er.
Victoria starrte auf den Bildschirm und dann zu Julian. Ihre Gesichtszüge verzerrten sich, ihr Kinn klappte vor Entsetzen herunter, als ihr die ganze Tragweite der Situation wie ein Schlag bewusst wurde. Sie hatte die Tasche nicht gepackt. Das Video war eine Deepfake-Fälschung.
Kapitel 3: Der Rahmenjob
„Julian …“, stammelte Victoria, die Reitgerte glitt ihr aus den Fingern und klirrte auf den Marmorboden. „Das bin nicht ich. Du weißt, dass ich das nicht bin!“
Julian schloss beiläufig den Reißverschluss der Tasche. „Dem Vorstand ist das egal, Victoria. Der Polizei ist das egal. Die Aufnahmen sind einwandfrei. Bis Mitternacht wirst du als Firmenbetrügerin und Juwelendiebin gebrandmarkt sein. Deine Anteile am Syndikat fallen automatisch an mich.“
Maria, das Dienstmädchen, hörte plötzlich auf zu weinen. Sie stand ruhig auf und klopfte sich den Staub vom Rock. Ihre Angst war verschwunden und einer kühlen Professionalität gewichen. Sie ging zu Julian hinüber und stellte sich neben ihn.
Kapitel 4: Zersplittertes Glas
Victorias Gedanken rasten. Julian hatte eine feindliche Übernahme inszeniert und ihr die Schuld in die Schuhe geschoben, um sie aus der Hierarchie des Syndikats zu eliminieren. Sie blickte auf die schweren Glasfenster mit Blick auf die Skyline der Stadt, dann wieder auf die Louis-Vuitton-Tasche. Der Diamant war nicht nur Millionen wert; er enthielt einen Mikrochip mit den Schlüsseln zum Offshore-Konto. Sie konnte ihn nicht zurücklassen.
Ohne Vorwarnung stürzte sich Victoria auf ihn. Sie hatte es nicht auf Julian abgesehen, sondern auf die Tasche.
Julian hatte den Angriff vorausgesehen und eine Pistole mit Schalldämpfer aus seiner Jacke gezogen. Doch Victoria war schneller. Sie packte den schweren Bronzefuß einer Lampe und schwang ihn verzweifelt, wobei sie Julians Handgelenk traf. Ein Schuss löste sich, die Kugel zersplitterte den antiken Spiegel hinter ihr. Victoria schnappte sich die LV-Tasche und rannte den Korridor entlang. Ihre nackten Füße klatschten auf den kalten Marmorboden, während unten auf der Straße Sirenen heulten.
Kapitel 5: Die regennassen Straßen
Die Feuertreppe war vom plötzlichen, heftigen Regenguss spiegelglatt. Victoria stieg die rostigen Metalltreppen des Hochhauses hinab, die schwere Tasche über der Brust. Sie warf die leuchtend rote Seidenjacke ab, zitternd in der kalten Nachtluft, und verschmolz mit den Schatten der Gasse.
Polizeiwagen umstellten den Haupteingang des Gebäudes, ihre rot-blauen Lichter erhellten den nassen Asphalt. Julians Plan war wasserdicht. Sie war auf der Flucht.
Sie brauchte ein sicheres Versteck. Sie musste untertauchen. Victoria umklammerte den Riemen ihrer Tasche fest und verschmolz mit den Menschenmassen des neonbeleuchteten Vergnügungsviertels. Sie hielt den Kopf gesenkt, denn sie wusste, dass Julians private Sicherheitsleute – die wahren Mörder – sie zusammen mit der Polizei jagen würden.
Kapitel 6: Das Wegwerfhandy
In einer hintersten Ecke eines schäbigen, rund um die Uhr geöffneten Lokals am Stadtrand kaufte Victoria einer Kellnerin, die keine Fragen stellte, ein Prepaid-Handy ab. Sie wählte eine Nummer, die sie seit fünf Jahren nicht mehr benutzt hatte.
“Ja?”, antwortete eine raue Stimme.
„Silas. Hier ist Vic.“
Eine lange Pause. „Du bist überall in den Nachrichten, Vic. Man sagt, du hättest deine eigene Firma ausgeraubt. Die Träne des Zaren gestohlen.“
Kapitel 7: Der Schatten des Syndikats
Die Docks rochen nach Salz und verrottendem Fisch. Silas, ein brillanter, aber paranoider Technologiehändler, hatte sein Labor in einem verlassenen Schiffscontainer eingerichtet. Victoria ließ die LV-Tasche auf seinen Metallschreibtisch fallen.
Silas pfiff leise, als er den Reißverschluss öffnete und den tropfenförmigen Diamanten auf den Geldbündeln betrachtete. „Weißt du, wem dieser Klunker wirklich gehört, Vic? Er gehört nicht Julian. Er gehört dem Volkov-Kartell. Julian hat dich nicht nur wegen Firmendiebstahls angeklagt, sondern auch wegen Diebstahls bei der russischen Mafia.“
Kapitel 8: Die Auftragskiller
Der Schiffscontainer schwankte heftig. Eine Explosion riss die Außentüren des Lagerhauses auf.
“Sie sind da!”, rief Silas und tauchte unter die Konsole.
Maschinengewehrfeuer zerriss die Wellblechwände des Containers. Victoria schnappte sich die Tasche und einen schweren Schraubenschlüssel von Silas’ Werkbank. Drei Männer in taktischer Ausrüstung stürmten die Lagerhalle; ihre Laserzielgeräte durchschnitten den Rauch.