Der Mann, von dem die Stadt in dunklen Ecken flüsterte. Der Schattenkaiser, dem die Docks, die Untergrundsyndikate und die Hälfte der Wolkenkratzer in der Innenstadt gehörten. Gekleidet in einen maßgeschneiderten anthrazitfarbenen dreiteiligen Anzug, der wie eine maßgeschneiderte Rüstung zu seiner hoch aufragenden, athletischen Gestalt saß, war sein Gesicht aus Granit gemeißelt. Kalte, obsidianfarbene Augen scannten den Hof mit tödlicher Präzision und fixierten sofort den kleinen, zitternden Jungen, der an Viviennes Handgelenk gefesselt war.
Hinter ihm tauchten zwei massive, kampferprobte Leibwächter im Gleichschritt auf, ihre eiskalten Gesichter versprachen absolute Verwüstung.
Victor sprach nicht. Er musste es nicht. Die Luft im Garten wurde so schwer von Bedrohung, dass Champagnergläser in nervösen Händen zu zittern begannen.
Viviennes Atem stockte ihr im Hals, die Farbe wich augenblicklich aus ihrem gepuderten Gesicht, als ihre Augen den toten, unblinkelnden Blick des Mannes trafen, von dem sie glaubte, sie hätte sie in der Vergangenheit begraben.
Kapitel 2: Der Schatten über dem Anwesen
Die Stille, die auf das Kreischen der Reifen folgte, war absolute, lähmende Stille. Selbst der Wind scheint zwischen den akkurat gestutzten Buchsbaumhecken den Atem anzuhalten. Kein Rascheln von Seide, kein Klirren von Kristall. Über hundert Vertreter der reichsten und mächtigsten Familien der Stadt standen wie zu Stein erstarrt.
Victor Vance tat einen einzigen Schritt vorwärts. Das Knirschen des feinen Kieselsteins unter seiner maßgefertigten Ledersohle klang in der toten Stille wie ein Peitschenknall.
Seine Augen, eisig und unergründlich wie der Abgrund des Ozeans, brannten sich in das Bild, das sich ihm bot: Sein vierjähriger Sohn Leo, blass, zitternd und in Tränen aufgelöst, angebunden wie ein räudiger Hund an das Handgelenk einer Frau, die vor Selbstgerechtigkeit und Grausamkeit nur so strotzte.
“Papa…?”, flüsterte Leo. Die kleine, brüchige Stimme des Jungen schnitt durch die schwere Luft.
Leo traute seinen Augen nicht. Er wusste kaum noch, wie sein Vater aussah. Seit dem Tag, an dem seine Mutter gestorben war, hatte man ihm eingeredet, sein Vater sei tot, ein wertloser Niemand, der in den Gosse verrottet sei. Doch der Mann, der dort vor ihm stand, glich keinem Bettler. Er glich einem König der Finsternis.
“PAPA!”, schrie Leo plötzlich aus tiefster Seele, vergaß die Schmerzen in seinen Knöcheln und wollte vorwärtsstürzen.
Doch die Leine straffte sich sofort. Vivienne Sterling, deren Herz wie verrückt gegen ihre Rippen schlug, zog unwillkürlich und panisch an dem Nylonband. Der kleine Junge wurde schmerzhaft zurückgerissen und fiel hart auf die Knie auf den rauen Steinweg. Er wimmerte leise auf, während frisches Blut durch seine dünne Samthose an den Knien sickerte.
In diesem Moment veränderte sich die Luft um Victor Vance vollkommen. Die bereits eiskalte Atmosphäre sank gefühlt unter den Gefrierpunkt.
Victors linke Augenbraue hob sich minimal. Die beiden hünenhaften Leibwächter hinter ihm – Männer, deren Narben Bände über blutige Schlachten im Untergrund sprachen – machten simultan einen Halbschritt nach vorne, die Hände bereit unter ihren dunklen Jackets.
“Vivienne Sterling”, sprach Victor. Seine Stimme war kein Schreien. Es war ein tiefes, vibrierendes Bass-Grollen, das man mehr im Brustkorb spürte, als dass man es hörte. “Du hast genau drei Sekunden Zeit, dieses Band von meinem Sohn zu lösen. Solltest du es nach der dritten Sekunde noch in der Hand halten, schneide ich dir das Handgelenk ab, an dem es haftet.”
Viviennes Lippen bebten. Der gepuderte Teint, der eben noch Aristokratie und Eleganz ausstrahlte, war schlagartig aschgrau. Sie spürte, wie der Schweiß ihren Nacken herunterlief. Doch ihr immenser Stolz, die Jahrelange Gewohnheit, unangefochten über alles und jeden zu herrschen, bäumte sich gegen die lähmende Angst auf.
“D-Du… Du hast hier kein Recht, Vance!”, stotterte sie, während sie versuchte, ihre Stimme fest klingen zu lassen, was ihr kläglich misslang. “Das ist das Sterling-Anwesen! Ich habe das rechtliche Sorgerecht für diesen Jungen! Du bist ein Krimineller, ein Ausgestoßener! Wachen! Wachen, werft diesen Mann vom Grundstück!”
Keiner der privaten Sicherheitsleute des Anwesens rührte sich. Die Männer standen da, blass und starr, die Blicke auf die emporragenden Maybach-Limousinen gerichtet. Sie kannten das rote Emblem. Sie wussten, wer Victor Vance war. Ein Befehl von ihm, und dieses Anwesen würde vor dem Abendrot in Schutt und Asche liegen. Niemand für ein Sterling-Gehalt sein Leben auf das Spiel setzen.
“Eins”, sagte Victor ruhig und machte einen weiteren Schritt nach vorne.
“Vivienne, tu, was er sagt!”, zischte ein älterer Senator, der ein paar Meter entfernt stand, mit panisch geweiteten Augen. “Bist du wahnsinnig?! Weißt du nicht, wer das ist?!”
“Zwei”, dröhnte die Stimme des Schattenkaisers.
“Das… das ist eine Frechheit! Ich bin eine Sterling!”, schrie Vivienne hysterisch, aber ihre Finger zitterten so heftig, dass sie den Verschluss der Leine nicht zu fassen kriegte. “Er gehört mir! Seine Mutter hat ihn mir hinterlassen!”
“Drei.”
Victor bewegte sich nicht schnell, aber mit der absoluten Effizienz eines Raubtiers. Bevor Vivienne auch nur blinzeln konnte, stand Victor direkt vor ihr. Die schiere Körpergröße des Mannes warf einen gigantischen Schatten über sie.
Ein silbernes, pfeilschnelles Blitzen blitzte auf – ein kleines, ungemein scharfes Messer erschien in Victors Hand. Mit einer einzigen, flüssigen Bewegung schnitt er die Nylonleine direkt an Viviennes Handgelenk durch. Das verbliebene Band fiel wie eine tote Schlange zu Boden.
Vivienne stieß einen schrillen Schrei aus und stolperte rückwärts, bis sie gegen die Kante des Marmorbrunnens prallte und beinahe rückwärts ins Wasser fiel. Ihr Champagnerglas zerschellte auf den Steinplatten.
Victor ignorierte sie völlig. Er kniete sich auf den feinen Kies – ungeachtet der Tatsache, dass der Schotter seinen maßgeschneiderten Hose beschmutzte.
Die Grausamkeit in seinen Augen erlosch im Bruchteil einer Sekunde. Was blieb, war die unendliche, tiefe Schmerzes- und Liebe eines Vaters, der sein eigenes Fleisch und Blut gelitten sehen musste.
Er streckte seine großen, schwieligen Hände aus. “Leo…”, flüsterte er.