Der kleine Junge zögerte keine Millisekunde mehr. Er warf sich mit einem herzzerreißenden Schluchzen in die Arme seines Vaters. “PAPA! Du bist gekommen! Sie hat gesagt, du bist tot! Sie hat gesagt, du kommst nie wieder!”
Victor schloss seine Arme um den zierlichen Körper des Vierjährigen. Er drückte das Gesicht des Jungen sanft an seine Brust, hielt seinen Hinterkopf fest und spürte das wilde Herzklopfen des Kindes. Seine Augen schlossen sich für einen Moment, als verarbeitete er den jahrelangen Schmerz der Trennung.
“Ich bin hier, mein Sohn”, flüsterte Victor leise ins Ohr des Jungen, seine Stimme belegte von unterdrückter Emotion. “Niemand wird dir je wieder wehtun. Das schwöre ich dir bei dem Andenken deiner Mutter.”
Kapitel 3: Abrechnung auf der Terrasse
Die Szene war von einer beinahe absurden Intensität. Der mächtigste Mann der Unterwelt kniete auf dem Boden eines luxuriösen Gartens und hielt seinen weinenden Sohn fest, während die High Society schweigend zusaah.
Victor hob Leo behutsam hoch. Der Junge schlang seine Arme und Beine fest um seinen Vater, vergrub das Gesicht in Victors Schulter und hörte nicht auf zu zittern. Victor spürte die nasse Kleidung des Jungen, den kalten Schweiß und sah die blutigen Knie.
Sein Blick wandte sich langsam wieder Vivienne Sterling zu.
Die Frau stand noch immer zitternd am Brunnen. Sie versuchte verzweifelt, ihre Haltung wiederzuerlangen, glättete ihr teures Seidenkleid und strich sich eine abgefallene Haarlocke aus dem Gesicht. Doch der Schrecken saß tief in ihren Knochen.
“Vance…”, begann sie, versuchte ihrer Stimme einen herablassenden Ton zu verleihen. “Du glaubst doch nicht etwa, dass du einfach so hier einmarschieren und ein Kind entführen kannst? Die Gesetze dieser Stadt…”
“Die Gesetze dieser Stadt?”, unterbrach Victor sie leise. Er machte einen Schritt auf sie zu. “Wer glaubst du, schreibt die Gesetze dieser Stadt, Vivienne? Glaubst du wirklich, dass die Richter, die Politiker und die Polizeichefs, die auf deinen Heuchelei-Partys Champagner trinken, dir helfen werden, wenn ich beschließe, diese Familie zu vernichten?”
Er blickte kurz über die Menge der Gäste. Einige Senatoren und Industrielle wichen seinem Blick sofort aus, senkten die Köpfe oder machten unauffällig Schritte nach hinten. Niemand wollte mit dem Schicksal der Sterlings verknüpft werden.
“Du hast meinen Sohn gequält”, fuhr Victor fort, seine Stimme schnitt wie ein Skalpell durch die Luft. “Du hast ihn wie ein Tier an der Leine geführt. Du hast ihm eingeredet, seine Mutter sei schwach gewesen und sein Vater tot.”
“Er ist ein Sterling!”, kreischte Vivienne plötzlich auf, verloren in ihrer Wut und Panik. “Seine Mutter war meine Schwester! Dieses Kind gehört zu unserem Erbe! Du bist nichts als ein dreckiger Verbrecher, der meine Schwester verführt hat! Ich habe das Recht, ihn so zu erziehen, wie ich es für richtig halte! Er ist ungezogen, undankbar und…”
KLATSCH.
Die Luft entwich schlagartig aus den Lungen aller Anwesenden.
Victor hatte nicht einmal die Hand erhoben. Es war einer seiner Leibwächter – der Riese namens Boris –, der auf einen stummen Blick Victors hin vorgetreten war und Vivienne mit der flachen Hand eine derartige Ohrfeige verpasst hatte, dass die Frau von den Beinen gerissen wurde und hart auf den Steinboden schlug.
Ihre perfekte Frisur löste sich auf, ihr Lippenstift war verschmiert, und aus Mundwinkel sickerte Blut. Sie starrte ungläubig nach oben, die Hand an die brennende Wange gepresst.
“Du… du hast mich geschlagen…”, flüsterte sie schockiert.
“Mein Mann war noch gnädig”, sagte Victor eisig. “Wenn ich dich anfasse, Vivienne, stehst du nicht mehr auf.”
Victor reichte Leo sanft an seinen zweiten Vertrauten weiter, einen hochgewachsenen Mann im eleganten Anzug namens Marcus. “Bring ihn ins Auto. Lass den Arzt ihn sofort untersuchen. Mach die Klimaanlage an und gib ihm etwas zu trinken.”
“Nein! Papa, geh nicht weg!”, rief Leo panisch und klammerte sich an Victors Revers.
Victor sah seinen Sohn mit sanftem Blick an. “Ich gehe nirgendwo hin, Leo. Marcus bringt dich nur in die Sicherheit des Autos. Ich komme in zwei Minuten nach. Papa muss nur noch kurz ein Geschäft abschließen.”
Leo sah seinen Vater mit großen, tränenüberströmten Augen an. Schließlich nickte der kleine Junge vorsichtig. “Du… du versprichst es?”
“Ich verspreche es auf mein Leben”, antwortete Victor.
Marcus nahm den Jungen behutsam auf den Arm, deckte ihn mit seinem eigenen Sakkos ab und trug ihn zügig in Richtung der mittleren Panzer-Limousine.
Als die Autotür hinter Leo zufiel, veränderte sich die Haltung von Victor Vance endgültig. Der besorgte Vater verschwand. Zurück blieb der eiskalte Imperator der Unterwelt.
Kapitel 4: Der Zusammenbruch eines Imperiums
Victor trat näher an die am Boden liegende Vivienne heran. Er blickte auf sie herab wie auf ein lästiges Insekt.