Alexander erkannte Richards Stimme sofort.

„Es geht nicht um einen Buchungsfehler“, sagte seine Mutter. „Es geht um Geld, das für Menschen bestimmt war, die nach Unfällen Hilfe brauchen. Du hast es auf Konten verschoben, die nichts mit der Stiftung zu tun haben.“

„Ich habe das Geld investiert.“

„Ohne Genehmigung.“

„Ich wollte es vermehren.“

„Dann hättest du mich fragen müssen.“

Ein Stuhl scharrte über den Boden.

Richard sprach leiser.

„Du verstehst nicht, in welcher Lage wir sind. Das Unternehmen hat Verluste gemacht. Die Immobilienmärkte sind eingebrochen. Wenn wir nicht schnell handeln, verlieren wir alles.“

„Dann verlieren wir eben Geld“, erwiderte seine Mutter. „Aber wir stehlen es nicht von Menschen, die unsere Hilfe brauchen.“

Es folgte eine lange Pause.

Dann sagte Richard:

„Du willst wirklich deinen eigenen Bruder anzeigen?“

„Wenn ich muss.“

„Und Alexander? Hast du darüber nachgedacht, was das mit ihm macht?“

„Ich denke jeden Tag an ihn.“

„Dann solltest du schweigen.“

Alexanders Mutter antwortete nicht sofort.

Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme erschöpft, aber fest.

„Du hast mir gedroht.“

„Ich habe dich gewarnt.“

„Das ist ein Unterschied, den du dir selbst einredest.“

Dann endete die Aufnahme abrupt.

Alexander saß regungslos da.

Thomas stoppte die Wiedergabe.

„Das Material muss unabhängig überprüft werden“, sagte er. „Aber wenn die Aufnahme echt ist, bestätigt sie, dass Ihre Mutter Richard mit den Geldbewegungen konfrontiert hat.“

„Und dass sie ihn anzeigen wollte.“

„Ja.“

Alexander sah auf den USB-Stick.

„Kannst du feststellen, ob sie noch weitere Unterlagen hinterlassen hat?“

Die Forensikerin nickte.

„Auf dem Datenträger gibt es Verweise auf einen Ordner mit dem Namen ‚Lindenhof‘. Außerdem finden sich Zahlungen an eine Beratungsfirma, die später aufgelöst wurde.“

„Lindenhof?“

Thomas zog die Stirn kraus.

„Das sagt mir etwas. Es könnte eine ehemalige Rehabilitationsklinik sein.“

Alexander stand auf.

„Finde heraus, was es damit auf sich hat.“

Die Forensikerin blickte auf den Bildschirm.

„Es gibt noch eine Datei. Sie ist verschlüsselt. Wir können versuchen, sie zu öffnen, aber das kann etwas dauern.“

„Dann fang an.“

Alexander ging zur Tür, blieb jedoch noch einmal stehen.

„Thomas, ich möchte, dass du dich an etwas erinnerst.“

„Ja, Sir?“

„Wir haben noch keinen Beweis dafür, dass Richard etwas mit dem Tod meiner Mutter zu tun hatte. Wir werden ihn nicht beschuldigen, bevor wir wissen, was geschehen ist.“

Thomas nickte.

„Verstanden.“

Alexander blickte noch einmal auf das Foto seiner Mutter.

Er wollte Gerechtigkeit.

Aber er wollte keine erfundene Wahrheit, die nur deshalb überzeugend klang, weil sie zu seinem Schmerz passte.

Wenn er Richard zur Verantwortung ziehen wollte, musste er es mit Beweisen tun.

Nicht mit Vermutungen.

Und genau deshalb würde er diesmal jeden Schritt sorgfältig gehen.

Zwei Tage später erhielt Thomas einen Anruf von der Forensikerin.

Die verschlüsselte Datei war geöffnet worden.

Sie enthielt eine Liste von Zahlungen an eine Einrichtung namens Lindenhof, ein privates Rehabilitationszentrum außerhalb Münchens. Die Zahlungen waren über mehrere Firmen geleitet worden, darunter eine Gesellschaft, die Richard kontrolliert hatte.

Der größte Teil der Überweisungen war in den Monaten vor dem Tod von Alexanders Mutter erfolgt.

Alexander ließ sich die Unterlagen erklären.

Der Lindenhof hatte früher Patienten aufgenommen, die nach schweren Verletzungen eine längere Rehabilitation benötigten. Vor fünf Jahren war die Einrichtung offiziell geschlossen worden. Ein Teil des Gebäudes wurde jedoch weiterhin genutzt, und die Betreibergesellschaft hatte mehrere Eigentümerwechsel durchlaufen.

„Warum hat meine Mutter an diese Einrichtung gezahlt?“, fragte Alexander.

„Das wissen wir noch nicht“, antwortete Thomas. „Aber es gibt eine handschriftliche Notiz auf einer der Tabellen.“

Er reichte Alexander eine Kopie.

Dort stand:

Patientin: E. M. – Kontakt gesperrt. Überweisung nur nach Rücksprache mit R. S.

Alexander las die Zeile zweimal.

„E. M.?“

„Wir haben keine vollständigen Patientenunterlagen. Die Einrichtung hat bisher nicht auf unsere Anfrage reagiert.“

„Wer ist R. S.?“

Thomas sah ihn an.

„Möglicherweise Richard Sterling.“

Alexander spürte, wie sich eine unangenehme Kälte in ihm ausbreitete.

„Und E. M.?“

„Wir wissen es nicht.“

Auf der Rückseite des Dokuments stand ein zweiter Satz:

Sie darf keinen Kontakt zur Familie aufnehmen.

Alexander starrte auf die Worte.

Wer war diese Frau?

Warum durfte sie keinen Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen?

Und warum hatte seine Mutter versucht, ihre Behandlung zu finanzieren?

Thomas legte eine weitere Datei auf den Tisch.

„Wir haben außerdem eine E-Mail gefunden, die Ihre Mutter an einen Anwalt geschickt hat. Sie schrieb, dass sie eine Frau unterstützen müsse, die gegen ihren Willen von einer privaten Einrichtung festgehalten werde. Der Name wurde in der Kopie geschwärzt.“

Alexander hob den Kopf.

„Gegen ihren Willen?“

„Es könnte sich um einen Streit über eine Behandlung handeln. Wir wissen noch nicht, ob eine Straftat vorliegt.“

„Dann finden wir es heraus.“

Alexander nahm sein Telefon und rief die Anwältin an, die seine Mutter früher beraten hatte.

Sie hieß Dr. Helena Vogt und war inzwischen im Ruhestand. Als Alexander ihr erklärte, was er gefunden hatte, wurde sie lange still.

„Herr Sterling“, sagte sie schließlich, „ich hatte gehofft, dass Sie diese Unterlagen niemals benötigen würden.“

„Sie wissen, wer E. M. ist?“

„Ich kann Ihnen nicht alles am Telefon sagen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass Ihre Mutter kurz vor ihrem Tod sehr besorgt war. Sie glaubte, dass eine Frau in einer privaten Einrichtung festgehalten wurde, obwohl sie entlassen werden wollte.“

„Warum hat sie niemanden informiert?“

„Sie versuchte es. Doch sie hatte nicht genügend Beweise, um sofort eine gerichtliche Verfügung zu erwirken. Gleichzeitig fürchtete sie, dass die Frau verlegt würde, sobald jemand von der Untersuchung erfuhr.“

Alexander schloss die Augen.

„Haben Sie den Namen?“

„Ich muss meine alten Unterlagen prüfen. Aber ich erinnere mich an eine Frau namens Evelyn Mercer.“

Der Name sagte ihm nichts.

„Wer war sie?“

„Eine frühere Mitarbeiterin eines Unternehmens, das mit Ihrem Vater und Ihrem Onkel Geschäfte machte. Sie hatte Informationen über die Stiftung. Ihre Mutter wollte ihr helfen.“

„Warum?“

„Weil Evelyn behauptete, dass sie Beweise für Unregelmäßigkeiten besitze. Sie sagte, dass sie diese Beweise nur übergeben könne, wenn sie sicher sei, dass ihr und ihrer Familie nichts geschehe.“

Alexander blickte auf die Notiz.

Sie darf keinen Kontakt zur Familie aufnehmen.

„Lebt sie noch?“

„Ich weiß es nicht.“

„Können Sie mir helfen, sie zu finden?“