Ferrante machte sich Notizen. „Das ist ein Anfang. Aber ein Gericht braucht mehr als Ihre Aussage. Es braucht einen Sachverständigen für Handschriften, es braucht die Originalpapiere, und es braucht Zeugen, die gesehen haben, wie Vanessa diese Papiere benutzt hat.“
Während Ferrante arbeitete, sprach Dante selbst mit dem Fahrer. Marco Santini kam ins Krankenhaus, den Hut in den Händen, und sah aus wie ein Mann, der seit Stunden nicht geschlafen hatte. Er setzte sich Dante gegenüber und sah auf den Boden.
„Mr. Russo, es tut mir leid“, sagte er. „Ich hätte Mrs. Russo fahren müssen. Ich weiß das. Aber Miss Laurent hat mir gesagt, wenn ich sie fahre, verliere ich meine Stelle. Sie hat gesagt, Sie hätten das angeordnet. Sie hat gesagt, Mrs. Russo solle sich nicht so anstellen, sie sei nur schwanger, nicht krank.“
Dante sah ihn lange an. „Marco, hast du das geglaubt?“
Marco schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Aber ich habe Angst gehabt. Ich habe drei Kinder. Ich habe gedacht, ich verliere alles. Als ich später hörte, dass Mrs. Russo im Krankenhaus ist, bin ich fast verrückt geworden vor Schuld.“
„Dann sag jetzt die Wahrheit, vollständig“, sagte Dante. „Nicht für mich. Für Emily und für die Kinder. Schreib es auf, unterschreibe es, und sag es auch dem Anwalt und, wenn es nötig ist, der Polizei. Dann behältst du deine Stelle. Nicht, weil ich dir vergebe, ohne dass etwas geschieht, sondern weil du jetzt ehrlich bist und weil Emily einen Fahrer braucht, dem sie vertrauen kann.“
Marco nickte und weinte fast vor Erleichterung. Er schrieb seine Aussage noch am selben Tag. Darin stand, dass Vanessa ihm am Morgen ausdrücklich verboten hatte, Emily zu fahren, und dass sie ihm gedroht hatte, ihn zu entlassen, falls er es doch tue. Er schrieb auch, dass Vanessa in den letzten Monaten mehrfach angeordnet hatte, Emilys Anrufe nicht an Dante weiterzuleiten, wenn Dante in Besprechungen war. Sie habe gesagt, Emily rufe wegen Kleinigkeiten an.
Rosa, die Haushälterin, erzählte eine ähnliche Geschichte. Sie war seit vielen Jahren in der Villa und kannte Emily seit ihrer Hochzeit. Sie sagte, Vanessa habe nach und nach die Schlüssel, die Dienstpläne und die Bestellungen übernommen. Sie habe Emily gesagt, sie solle die schwarze Uniform tragen, wenn Gäste kämen, weil das Haus so ordentlicher wirke. In Wahrheit habe es keinen Gast gegeben, der das verlangt hätte. Es sei Vanessas Idee gewesen, Emily unsichtbar zu machen.
„Mrs. Russo hat nie widersprochen“, sagte Rosa leise. „Sie hat gesagt, sie wolle keinen Streit. Aber ich habe gesehen, wie sie abends allein in der Küche saß und ihre Hände auf den Bauch legte. Sie hat mit den Babys gesprochen. Sie hat gesagt: Es wird gut, meine Kleinen. Mama ist da.“
Dante hörte zu, und jedes Wort machte ihm deutlicher, wie sehr er versagt hatte. Er hatte gedacht, sein Haus laufe gut, weil es ruhig war. In Wahrheit war es ruhig, weil seine Frau sich nicht mehr traute, laut zu sein.
Ferrante kam am Abend mit ersten Ergebnissen zurück. Ein Handschriftensachverständiger hatte die Unterschrift auf den Scheidungspapieren mit Dantes echten Unterschriften verglichen. Das Ergebnis war eindeutig: Die Unterschrift war nachgeahmt. Die Buchstaben waren zu langsam gezogen, die Druckstellen passten nicht, und ein kleiner Haken, den Dante immer am Ende seines Nachnamens machte, fehlte vollständig. Außerdem war das Papier ein anderes als das, das Dantes Anwaltskanzlei verwendete. Es stammte aus einem gewöhnlichen Schreibwarenladen.
„Und die Kette?“, fragte Dante.
„Die Kette ist Ihr Eigentum“, sagte Ferrante. „Sie wurde Ihrer Frau geschenkt. Wenn Miss Laurent sie trägt, ohne dass Sie ihr das erlaubt haben, ist das kein Geschenk, sondern eine Aneignung. Wir werden sie zurückfordern. Ruhig, schriftlich, mit einer Frist. Wenn sie sie nicht zurückgibt, schalten wir die Polizei ein.“
Dante nickte. Er wollte Vanessa nicht in seinem Haus wiedersehen. Er wollte sie nicht anschreien. Er wollte, dass alles, was sie getan hatte, in Akten stand, die niemand wegdiskutieren konnte.
In dieser Nacht wachte Emily auf und fand Dante noch immer an ihrem Bett. Er hatte nicht geschlafen, aber er lächelte, als sie die Augen öffnete.
„Was hast du herausgefunden?“, fragte sie.
„Dass du die Wahrheit gesagt hast“, antwortete er. „Dass die Papiere gefälscht sind. Dass Marco dir nicht helfen durfte, obwohl er es wollte. Dass Rosa alles gesehen hat. Und dass ich viel zu lange weggeschaut habe.“
Emily legte ihre Hand auf seinen Arm. „Ich will keine Rache, Dante. Ich will nur, dass es aufhört. Ich will, dass unsere Kinder in einem Haus aufwachsen, in dem ihre Mutter nicht gedemütigt wird.“
„Genau das wirst du bekommen“, sagte Dante. „Keine Rache, die uns selbst zerstört. Aber Gerechtigkeit, die Bestand hat. Vanessa wird dieses Haus nicht mehr betreten. Sie wird keine Termine mehr für mich organisieren. Sie wird keinen Zugriff mehr auf unser Personal, unser Geld oder unsere Kinder haben. Und wenn sie versucht, dich noch einmal zu kontaktieren, dann wird das dokumentiert und an die Polizei gegeben.“
Emily nickte langsam. Sie glaubte ihm, aber sie glaubte ihm vorsichtig, wie jemand, der schon zu oft enttäuscht wurde. Dante verstand das. Er wusste, dass ein Versprechen allein nicht reichte. Es musste durch Taten bewiesen werden, Tag für Tag.
Am dritten Tag kam Vincent Moretti ins Krankenhaus. Er kam nicht mit Begleitung, nicht mit einem Anwalt, sondern allein. Er hatte eine Narbe quer durch die Augenbraue, und er sah müde aus. Er bat darum, mit Dante zu sprechen, und er bat darum, dass Emily dabei sein dürfe, wenn sie es wolle. Emily sagte, sie wolle es hören, aber nur, wenn eine Schwester im Raum blieb.
Vincent setzte sich und legte seine Hände auf den Tisch. „Ich muss Ihnen etwas sagen, bevor es jemand anderes verdreht“, begann er. „Vanessa hat mich bezahlt, um Mrs. Russo zu beobachten. Zuerst hat sie gesagt, es gehe nur darum, dass Mrs. Russo sicher sei. Dann hat sie mehr verlangt. Sie wollte, dass ich Mrs. Russos Telefon nehme, wenn sie Hilfe rufen will. Sie wollte, dass ich ihre Arztunterlagen beschaffe.“
Emily erstarrte. „Warum haben Sie sich dann vor der Praxis mit ihr gestritten?“