Kapitel 5: Das verschlossene Arbeitszimmer

Bewaffnet mit einem Brecheisen aus dem Schuppen des Gärtners näherte sich Arthur den schweren Eichentüren des Arbeitszimmers seines verstorbenen Vaters. Eleanor hatte es seit dem plötzlichen Tod seines Vaters vor zehn Jahren verschlossen gehalten, da es ihr zu schmerzhaft gewesen sei, einzutreten. Nun wusste Arthur es besser.

Das Holz splitterte mit einem lauten Knall, und die Türen gaben nach. Der Raum war erfüllt von Staub und dem Geruch von verrottendem Papier. Arthur schaltete seine Taschenlampe ein, deren Lichtkegel über die hohen Bücherregale und einen massiven Mahagonischreibtisch strich.

Er durchwühlte die Schubladen und warf alte Finanzbücher und Grundbuchauszüge beiseite. Schließlich fand er hinter einer falschen Abdeckung in der untersten Schublade ein ledergebundenes Tagebuch. Der Einband trug das Familienwappen, war aber stark abgenutzt.

Arthur öffnete es. Die Handschrift gehörte seinem Großvater. Die Seiten waren gefüllt mit detaillierten, grausamen Berichten über einen jahrhundertealten Pakt. Der immense Reichtum und Einfluss der Familie in der Stadt beruhten nicht auf klugen Geschäften, sondern auf einem finsteren alchemistischen Bann. Um das Vermögen zu erhalten, musste die Matriarchin der Familie die Seele eines Fremden mit einem Gebräu aus seltenen, giftigen Pflanzen und Mineralien aus der Tiefe an das Anwesen binden. Die Lebenskraft des Fremden sollte das Anwesen nähren und so für Wohlstand sorgen, während das Opfer verkümmerte.

 

Kapitel 6: Eleanors Herkunft

Arthur las weiter, sein Entsetzen wuchs mit jeder Seite. Er blätterte zu den Abschnitten über seine eigene Mutter, Eleanor. Sie war nicht in Reichtum hineingeboren worden. Sie war eine Außenseiterin gewesen, genau wie Clara.

Das Tagebuch beschrieb detailliert, wie Eleanor von Arthurs Großmutter demselben Ritual unterzogen worden war. Doch Eleanor war anders. Sie hatte die anfängliche Bindung überlebt; ihr Körper hatte sich auf wundersame Weise an das schwarze Blut angepasst. Anstatt zu verkümmern, absorbierte sie die dunkle Energie und stieg zur skrupellosesten Matriarchin auf, die die Familie je gesehen hatte. Sie stürzte ihre Schwiegermutter und riss die Herrschaft über das Anwesen und das Familienvermögen an sich.

Kapitel 7: Claras Erwachen

Sein Handy vibrierte heftig in seiner Tasche. Es war Dr. Thorne. „Du musst sofort zurückkommen, Arthur. Sie ist wach.“

Arthur raste rücksichtslos und ignorierte rote Ampeln. Als er in Claras Krankenzimmer stürmte, blieb er wie angewurzelt stehen. Clara saß aufrecht im Bett, aber sie war nicht mehr die Frau, die er geheiratet hatte.

Ihre Haut war völlig farblos, durchscheinend wie Pergament. Darunter pulsierten ihre Adern in einer furchterregenden, pechschwarzen Dunkelheit. Ihre Augen, einst leuchtend und warm haselnussbraun, waren nun trüb und glasig.

“Clara?”, flüsterte Arthur und näherte sich langsam dem Bett.

Sie wandte den Kopf ab, ihre Bewegungen steif und unnatürlich. Als sie sprach, klang ihre Stimme vielschichtig und hallte wider, was in dem kleinen Raum eigentlich unmöglich gewesen sein sollte. „Das Fundament hungert, Arthur. Die Wurzeln sind ausgetrocknet.“

Dr. Thorne stand in der Ecke und wirkte sichtlich beunruhigt. „Sie sagt solche Dinge, seit sie aufgewacht ist. Ihre Vitalwerte sind chaotisch. Ihr Puls sinkt rapide, aber sie ist noch bei Bewusstsein. Arthur … medizinisch gesehen dürfte sie eigentlich nicht mehr leben.“

Arthur streckte die Hand aus und nahm ihre. Sie war eiskalt. Er wusste, dass das Krankenhaus ihr nicht helfen konnte. Das Gift war keine biologische Krankheit; es war ein geheimnisvolles Toxin, ein Fluch, der sich in ihrer Seele eingenistet hatte.

 

Kapitel 8: Die Konfrontation

Arthur kehrte im Morgengrauen nach Hause zurück, als die Sonne lange, düstere Schatten über das Anwesen warf. Er fand Eleanor im formellen Speisesaal vor, wo sie ruhig eine Tasse Tee trank, als wären die Ereignisse des Vortages nie geschehen.

„Du bist ein Monster“, sagte Arthur und warf das ledergebundene Tagebuch auf den makellosen Mahagonitisch. Es rutschte herunter und stieß eine Kristallvase um, die daraufhin zerbrach.

Eleanor zuckte nicht mit der Wimper. Sie nahm einen langsamen Schluck Tee. „Ich bin eine Überlebende, Arthur. Und ich bin eine Mutter, die dafür sorgt, dass ihr Sohn niemals einen Tag in Armut erleben wird.“

„Du hast meine Frau vergiftet!“

„Ich habe sie gefördert“, korrigierte Eleanor kühl. „Ich habe ihr einen Sinn gegeben. Das Vermögen der Van der Wycks braucht ein Fundament. Ein Opfer an Lebenskraft. Meine Schwiegermutter hat es bei mir versucht, aber ich war zu stark. Clara hingegen … Clara ist schwach. Sie wird dem Anwesen bestens dienen.“

„Ich werde dieses Haus bis auf die Grundmauern niederbrennen“, drohte Arthur, sich über den Tisch beugend, seine Augen vor Wut funkelnd.

Eleanor lächelte, ein dünner, grausamer Strich huschte über ihr Gesicht. „Wenn du es tust, stirbt sie augenblicklich. Ihr Leben ist nun an das Anwesen gebunden. Das schwarze Blut in ihren Adern ist der Mörtel dieser Mauern. Du kannst sie nicht retten, Arthur. Du kannst nur lernen, mit dem Reichtum zu leben, den sie dir einbringt.“

Kapitel 9: Der Tod des Dienstmädchens

 

Arthur brauchte Beweise. Er brauchte das restliche Gift, um einen Weg zu finden, es zu neutralisieren. Er erinnerte sich, dass Maria ihm von dem Gewächshaus erzählt hatte. Er ließ Eleanor im Esszimmer zurück und rannte über die weitläufigen Rasenflächen zu dem alten Glasbau.

Als er sich näherte, sah er, dass die Tür angelehnt war. Drinnen war die feuchte Luft erfüllt vom Geruch verrottender Pflanzen und Kupfer. Er bahnte sich einen Weg durch das wuchernde Farngestrüpp und die exotischen, dunkelblättrigen Gewächse.

Mitten im Gewächshaus, neben einer provisorischen alchemistischen Destillationsanlage, lag Maria.

Arthur eilte zu ihr, doch es war zu spät. Ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet, sie starrte blindlings an die Glasdecke. Ihre Lippen waren mit derselben schwarzen Flüssigkeit befleckt, die Clara ausgespuckt hatte. Eleanor hatte sie nicht entkommen lassen. Sie hatte das Dienstmädchen beim Versuch, die Beweismittel zu stehlen, ertappt und sie für immer zum Schweigen gebracht.

Arthurs Trauer wich augenblicklich einer lähmenden Wut. Er durchsuchte den Tisch und fand ein zweites, mit Wachs versiegeltes Fläschchen mit einer kleinen Menge der schwarzen Flüssigkeit. Er steckte es ein. Die Polizei würde ihm hier nicht helfen. Er brauchte jemanden, der die dunklen Schnittstellen von Chemie und Okkultismus verstand.

Kapitel 10: Verzweifelte Maßnahmen

Im zwielichtigen Milieu des städtischen Schwarzmarktes spürte Arthur einen Mann namens Silas auf, einen in Ungnade gefallenen Biochemiker, der sich mit esoterischer Pharmakologie befasste. Silas operierte von einem feuchten Kellerlabor im Industriegebiet aus.