Dort stand ein Name: Dr. Julian Vance – Privatklinik St. Jude.

Und darunter eine handschriftliche Notiz, die Daniel das Blut in den Adern gefrieren ließ: Vormundschaftsantrag vorbereitet. Psychologisches Gutachten gekauft. Claire wird bis Ende des Jahres eingewiesen sein.

Daniels Hände begannen unkontrollierbar zu beben.

„Was… was ist das?“, stammelte er und sah Eleanor an, als stünde ein vollkommen Fremder vor ihm.

Eleanor schwieg für ein paar Herzschläge.

Das Blut an ihrem Schienbein tropfte unaufhörlich auf das helle Holz, ein stetiges, rhythmisches Pling, das die Stille zerschnitt.

Dann straffte sich ihr Rücken.

Die Fassade der gebrochenen, weinenden Mutter fiel endgültig von ihr ab wie eine abgestreifte Schlangenhaut.

Sie riss ihren Arm mit überraschender Kraft aus Daniels Griff los.

„Du warst schon immer zu schwach, Daniel“, sagte Eleanor mit einer eisigen Ruhe, die furchterregender war als jeder Schrei.

„Mama?“, brachte er hervor, unfähig, mehr zu sagen.

„Du hast dich von ihr blenden lassen, vom ersten Tag an“, fuhr Eleanor fort und blickte Claire mit unverhohlenem Hass an. „Sie hat dich mir weggenommen. Sie hat dich dazu gebracht, mein Haus zu verkaufen, damit ihr diesen Palast kaufen konntet. Und sie hat dich dazu gebracht, mich in diese erbärmliche Einliegerwohnung am Stadtrand abzuschieben.“

„Du wolltest deine Ruhe haben!“, rief Daniel verzweifelt. „Du hast gesagt, das Haus sei dir zu groß geworden!“

„Ich habe gesagt, was du hören wolltest, damit du dich nicht schuldig fühlst!“, zischte Eleanor. „Aber ich habe dieses Haus gebaut, Daniel. Nicht mit Steinen, sondern mit dem Geld deines Vaters. Und ich werde nicht zulassen, dass eine dahergelaufene Buchhalterin mein Erbe stiehlt.“

Claire trat einen Schritt zurück, die Scherbe lag unberührt auf der Theke, doch ihre Augen wichen nicht von Eleanors Gesicht.

„Sie hat dich nie geliebt, Daniel“, sagte Claire ruhig. „Sie sieht dich nur als Besitz. Und sie konnte es nicht ertragen, dass du jemanden geheiratet hast, der ihre Bilanzen versteht.“

Eleanor lachte trocken auf.

„Eine clevere Schlampe bist du, das muss ich dir lassen. Aber nicht clever genug.“

Eleanor griff mit der Hand, die Daniel eben noch losgelassen hatte, tief in die linke Tasche ihrer Strickjacke.

Claire spannte jeden Muskel an.

„Daniel, pass auf!“, rief Claire.

Daniel reagierte instinktiv und packte Eleanors Handgelenk, bevor sie den Gegenstand hervorziehen konnte.

Sie kämpften kurz, ein ungleiches Ringen zwischen Mutter und Sohn, bis Daniel ihren Arm nach hinten bog und den Inhalt der Tasche auf die Arbeitsplatte entleerte.

Ein kleines braunes Glasfläschchen rollte über den Granit.

Daneben lag eine unbeschriftete Plastikspritze.

Daniel starrte auf das Etikett des Fläschchens: Haloperidol.

Ein hochpotentes Antipsychotikum.

„Woher hast du das?“, hauchte Daniel, das Entsetzen in seiner Stimme war kaum noch zu ertragen.

„Erinnerst du dich an den Tee, Claire?“, fragte Eleanor mit einem triumphierenden Lächeln. „Die Migräneanfälle, die du im letzten halben Jahr hattest? Die Schwindelgefühle im Büro? Die Verwirrung, wenn du Termine vergessen hast?“

Claires Herz setzte einen Schlag aus.

Alle Puzzleteile fügten sich mit brutaler Klarheit zusammen.

Die Tage, an denen sie aufgewacht war und nicht wusste, welcher Wochentag war.

Die Panikattacken, die plötzlich aus dem Nichts kamen.

Daniel, der besorgt ihre Stirn berührt und sie gefragt hatte, ob der Stress im Job sie krankmache.

„Du hast mich vergiftet“, flüsterte Claire, und zum ersten Mal zitterte ihre Stimme vor echtem Grauen.

„Ich habe lediglich nachgeholfen, damit deine Symptome zu der Diagnose passen, für die ich Dr. Vance bezahlt habe“, erwiderte Eleanor kaltblütig. „Ein paar Monate mehr, und Daniel hätte die Papiere unterschrieben. Er hätte mir vertraut. Er hätte dich in eine Einrichtung gesteckt, wo du hingehörst. Und dieses Haus wäre wieder meins gewesen.“

Daniel ließ seine Mutter los, als hätte er glühendes Eisen berührt.

Er taumelte rückwärts, stieß gegen den Kühlschrank und sank mit dem Rücken daran herab, bis er auf dem Boden saß.

Er vergrub die Hände in den Haaren und stieß ein Geräusch aus, das halb Stöhnen, halb Weinen war.

„Du bist ein Monster“, flüsterte Daniel in seine Hände.

„Ich bin deine Mutter!“, schrie Eleanor ihn an, ihre Augen funkelten im Halblicht der Küche. „Ich habe alles für dich geopfert! Ich habe deinen Vater ertragen, ich habe sein Geld verwaltet, ich habe dafür gesorgt, dass du die besten Schulen besuchen konntest! Und du wirfst mein Lebenswerk für diese Frau weg?“

„Du hast mein Leben zerstört“, antwortete Daniel leise, ohne aufzusehen.

„Ich habe dein Leben gerettet!“, beharrte sie.

Claire ging langsam hinüber zu Daniel.

Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter, doch ihr Blick blieb starr auf Eleanor gerichtet.

„Es ist vorbei, Eleanor“, sagte Claire.

„Glaubst du das wirklich?“, höhnte die ältere Frau. Sie stützte sich auf den Esstisch, ihr verletztes Bein zitterte unter dem Gewicht, doch ihr Stolz hielt sie aufrecht. „Glaubst du im Ernst, dass die Polizei dir glauben wird? Schau mich an! Ich bin eine alte, verletzte Frau, die von ihrer Schwiegertochter mit einer zerschlagenen Porzellanvase attackiert wurde. Da drüben liegt die Tatwaffe. Mein Blut ist überall.“

Claire holte tief Luft.

„Glaubst du wirklich, ich habe nur gestern um 19:42 Uhr gefilmt?“

Eleanors triumphierender Blick erstarrte.

„Was meinst du?“, fragte sie misstrauisch.

Claire griff erneut nach ihrem Smartphone.

Sie tippte auf dem Display herum und stellte den Lautsprecher an.

„Ich bin Buchhalterin, Eleanor. Wenn Zahlen nicht stimmen, suche ich nach der Ursache. Als die ersten Fehlbuchungen im März auftauchten, dachte ich an einen Hackerangriff. Aber als meine Symptome im Mai begannen, habe ich zwei versteckte Kameras installieren lassen. Eine im Schlafzimmer… und eine direkt hier, über der Dunstabzugshaube.“

Eleanor wandte den Kopf mit ruckartiger Bewegung nach oben.

Dort, kaum sichtbar zwischen dem Edelstahl und der Holzverkleidung, blinkte eine winzige, unauffällige Linse.

„Das Video von heute Abend läuft bereits seit drei Stunden in der Cloud“, fuhr Claire fort. „Es hat aufgenommen, wie du mit deinem eigenen Schlüssel hereinkamst. Es hat aufgenommen, wie du die Spritze aus deiner Handtasche geholt hast. Und es hat jedes einzelne Wort aufgenommen, das du in den letzten zehn Minuten ausgesprochen hast.“

Die Farbe wich vollends aus Eleanors Gesicht.

Ihre Lippen wurden aschfahl.

„Du lügst“, flüsterte sie kraftlos.