„Vier Jahre lang hast du das Vermögen meines Vaters verheimlicht.“
„Ich habe versucht, die Familie zusammenzuhalten.“
„Du hast Vanessa gewählt.“
„Genau das wollte ich verhindern.“
Ich habe einmal gelacht.
“Das?”
Ich zeigte auf das Herrenhaus.
„Sie meinen den Teil, in dem ich herausfinde, dass meine Schwester in meinem Haus wohnt, historische Gebäude zerstört, ihren Verlobten belügt und versucht, eine Immobilie zu beleihen, die ihr nicht gehört?“
Mamas Gesichtsausdruck verfinsterte sich.
„Vanessa hat Fehler gemacht.“
„Warum werden ihre Fehler immer allen anderen zur Last gelegt?“
Sie antwortete nicht.
Andrew kam um das Fahrzeug herum.
„Ich habe meinen Anwalt angerufen.“
Die Mutter sah alarmiert aus.
“Warum?”
„Weil möglicherweise Finanzdokumente unter falschen Angaben unterzeichnet wurden.“
„Andrew, sie ist deine Frau.“
“NEIN.”
Dieses Wort ließ uns alle innehalten.
Vanessa und Andrew hatten die Zeremonie beendet.
Doch offenbar blieb etwas unvollendet.
Andrew griff in seine Jacke.
„Der Antrag auf Eheschließung wurde noch nicht eingereicht.“
Meine Mutter starrte ihn an.
„Würdest du sie heute Abend im Stich lassen?“
„Ich versuche herauszufinden, ob die Frau, die ich geheiratet habe, überhaupt existiert.“
Ich hatte fast Mitleid mit ihm.
Fast.
Dann ertönte ein Krach aus dem Inneren von Hawthorne House.
Wir rannten.
Die Haustür war unverschlossen.
Ich bin als Erster reingegangen.
Das Foyer raubte mir aus den völlig falschen Gründen den Atem.
Tante Eleanors antike Teppiche waren verschwunden.
Der ursprüngliche Kronleuchter aus Messing war durch eine moderne Kristallleuchte ersetzt worden, die wie gefrorener Regen aussah.
Ein riesiges abstraktes Gemälde bedeckte die Wand, an der einst Generationen von Porträts der Familie Hawthorne gehangen hatten.
Und der Boden –
„Oh nein.“
Der ursprünglich gemusterte Marmor war herausgerissen und durch polierten weißen Stein ersetzt worden.
Meine Kindheit verschwand Zimmer für Zimmer.
Andrew sah entsetzt aus.
„Sie sagte mir, dass es sich bei den vorherigen Materialien um Reproduktionen handelte.“
„Das waren sie nicht.“
Ein weiterer Krach hallte oben wider.
„Vanessa!“
Ich rannte auf die Treppe zu.
Mama rief mir hinterher.
Ich habe nicht angehalten.
Ich fand meine Schwester im alten Arbeitszimmer meines Vaters.
Oder das, was davon übrig war.
Die Schranktüren standen offen.
Die Schubladen waren auf den Boden geleert worden.
Vanessa trug noch immer ihr Hochzeitskleid.
Ihr Schleier war verschwunden.
Ihr Haar begann sich aus der kunstvollen Frisur zu lösen.
Sie sah jetzt weniger wie eine Braut aus, sondern eher wie jemand, der vor einer Katastrophe flieht.
“Wonach suchst du?”
Sie drehte sich um.
“Nichts.”
„Geh weg vom Schreibtisch.“
“Aussteigen.”
Ich hätte beinahe gelacht.
„Mein Haus?“
Ihr Gesicht verzog sich.
„Hör auf, das zu sagen.“
„Es ist juristisch korrekt.“
„Du warst nie hier!“
“Was?”
„Vier Jahre lang hast du uns kaum besucht.“
„Weil meine Mutter mir gesagt hat, dass das Anwesen von Treuhändern verwaltet wird.“
„Du hast ihr geglaubt.“
„Ja. Die meisten Leute glauben ihrer Mutter, wenn sie etwas sagt.“
Mama kam hinter uns herein.
Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich.
„Vanessa, gib Claire den Brief.“
„Ich habe es nicht.“
„Du hast gesagt, es sei hier.“
„Ich sagte doch, ich habe es hier gelassen.“
“Wo?”
Vanessa presste beide Hände gegen ihre Stirn.
“Ich weiß nicht.”
Andrew erschien in der Tür.
„Fang an, dich zu erinnern.“
Sie starrte ihn an.
„Du stellst dich auf ihre Seite.“
„Es gibt keine Parteien. Es gibt Fakten.“
„Ach, bitte.“
Vanessa trat eine Schublade zu.
„Du hast Claire die ganze Nacht beobachtet.“
Mir blieb der Mund offen stehen.
Andrew sah angewidert aus.
„Tu das nicht.“
„Jeder liebt Claire, sobald er fünf Minuten mit ihr verbracht hat.“
„Darum geht es hier nicht.“
„Es dreht sich immer alles nur um sie!“
Ihre Stimme überschlug sich im Arbeitszimmer.
Ich starrte meine Schwester an.
Plötzlich sah ich nicht mehr die elegante Frau, die mich beim Empfang gedemütigt hatte, sondern dasselbe sechzehnjährige Mädchen, das meinen Wissenschaftswettbewerbspokal zertrümmert hatte, nachdem ich einen Landeswettbewerb gewonnen hatte.
Papa hatte sie dazu gebracht, sich zu entschuldigen.
Sie hatte geweint und ihm gesagt, sie glaube, niemand bemerke sie, es sei denn, sie sei besser als ich.
Offenbar hatte sie nie aufgehört, daran zu glauben.
„Ich wollte nie, was dir gehörte“, sagte ich.
Vanessas Augen füllten sich mit Tränen.
„Nein. Du hast es trotzdem bekommen.“
Mama kam näher.
„Vanessa.“
“Nicht.”
„Du musst es ihr sagen.“
Meine Schwester blickte sie scharf an.
“Was?”
Mamas Gesichtsausdruck war seltsam.
“Alles.”
Vanessa erstarrte.
Andrew runzelte die Stirn.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte.
„Was noch?“
Keiner der beiden antwortete.
Ich sah meine Mutter an.
„Was hat Papa sonst noch hinterlassen?“
Ihre Schultern hingen herab.
„Nicht Geld.“
“Was?”
„Eine Aufnahme.“
Vanessa rief: „Mama!“
Mein Puls raste.
„Welche Aufnahme?“
Mama saß auf der Kante eines umgekippten Stuhls.
„Dein Vater hat kurz vor seinem Tod ein Video aufgenommen.“
Ich starrte sie an.
„Wo ist es?“
„Er hat es seinem Anwalt zusammen mit Kopien der Treuhanddokumente gegeben.“
„Warum habe ich es dann noch nicht gesehen?“
„Der Anwalt ist gestorben.“
Das klang zu bequem.
„Seine Firma existiert noch.“
Mama nickte langsam.
„Sein Partner hat mich nach der Beerdigung kontaktiert.“
“Und?”
„Ich habe ihm gesagt, dass du noch nicht bereit bist.“
„Sie haben dem Anwalt meines Vaters gesagt, er solle mir etwas nicht aushändigen, das mein Vater für mich angefertigt hat?“
„Ich dachte, der Brief genüge.“
„Der Brief, den Vanessa mitgenommen hat?“
Mama blickte nach unten.
Andrew fluchte leise.
Vanessa begann plötzlich, einen weiteren Schrank zu öffnen.
Ich habe sie beobachtet.
„Was ist auf dieser Aufnahme?“
Sie blieb stehen.
Zum ersten Mal wirkte sie wirklich verängstigt.
Nicht wütend.
Nicht neidisch.
Erschrocken.
„Vanessa.“
Sie sah mich an.
„Das willst du nicht wissen.“
„Versuch’s doch mal.“
„Das wird Mama zerstören.“
Es wurde still im Raum.
Ich drehte mich um.
Mamas Gesicht war eingefallen.
„Was meint sie damit?“
Meine Mutter fing an zu weinen.
Ich hatte Mama bei Papas Beerdigung weinen sehen.
Ich hatte sie weinen sehen, als unser Hund aus Kindertagen starb.
Doch diesmal war es anders.
Das war Panik.
Vanessa schüttelte den Kopf.
“Ich habe es dir gesagt.”
Mama flüsterte: „Dein Vater hat dich falsch verstanden.“
Mir wurde ganz kalt.
„Was habe ich missverstanden?“
Niemand antwortete.
Ich bin einen Schritt näher gekommen.
„Was hat Papa entdeckt?“
Mama schloss die Augen.