Ihre Wohnung war klein, hässlich und oft kalt gewesen, aber sie war ihre gewesen. Der schiefe Küchentisch. Die Secondhand-Gardinen. Die Schublade, in der sie all die Rechnungen aufbewahrte, die sie nicht rechtzeitig bezahlen konnte. Der Schuhkarton unter ihrem Bett mit Ultraschallbildern, Armbändern aus dem Krankenhaus von ihrem eigenen Aufenthalt und Beileidskarten von Menschen, die nicht wussten, was sie einer Mutter sagen sollten, deren Baby starb, bevor sie es je im Arm halten konnte.

Nun waren Carmela Carusos Leute hindurchgegangen.

Er berührte ihre Sachen.

Sie legte die Decke eines toten Kindes wie ein Versprechen auf ihr Kissen.

Damian starrte das Foto einen langen Moment an, dann reichte er Marco das Handy.

„Findet heraus, wer das genommen hat.“

Marco nickte und trat hinaus.

Elena wandte sich gegen Damian.

„Du hast gesagt, dieses Haus sei sicher.“

“Es ist.”

„Sie ist in meine Wohnung eingedrungen.“

„Du warst nicht dabei.“

„Das soll mich trösten?“

„Nein“, sagte Damian. „Es soll erklären, warum du noch atmest.“

Es wurde still im Raum.

Miriam warf ihm einen Blick zu, der schneidend wirkte.

Damian atmete durch die Nase aus und senkte die Stimme.

„Mir fällt es schwer, im Zorn sanfte Worte zu finden.“

„Mir ist es aufgefallen.“

„Ich bin wütend, weil meine Mutter gerade die Frau bedroht hat, deren Kind sie gestohlen hat, während dieses Kind nur einen Meter von mir entfernt stand.“

Elena drückte Sofia fester an sich.

Sofia war wieder verstummt, ihr Blick wanderte von Damian zu Elena. Ein Kind sollte eigentlich nicht wissen, wie man Erwachsene auf Gefahren aufmerksam macht. Doch Sofia wusste es.

Elena kniete nieder und strich sich die Locken aus dem Gesicht.

„Baby, du bist in Sicherheit.“

Sofia sah Damian an.

Auch er duckte sich, diesmal langsamer, und ließ so etwas Raum.

„Dich nimmt niemand mit“, sagte er.

Sofia musterte ihn.

Dann streckte sie eine Hand nach seiner Wange aus.

Damian erstarrte.

Ihre kleinen Finger berührten die Narbe in der Nähe seines Kiefers, eine blasse Linie, die Elena schon früher bemerkt, aber nach der sie nicht gefragt hatte.

„Papa“, sagte Sofia.

Das Wort war kaum lauter als ein Atemzug.

Aber Damian hat es gehört.

Das haben alle getan.

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich auf eine Weise, die Elena nie vergessen würde.

Der gefürchtete Damian Caruso, der Mann, der allein durch sein Betreten eines Restaurants die Stimmung in einem ganzen Lokal verstummen lassen konnte, wirkte plötzlich wehrlos.

Sein Mund öffnete sich.

Zwei Jahre lang hatte Sofia ihn nie angerufen.

Nun, an dem Tag, als er erfuhr, dass sie nicht seine leibliche Tochter war, gab sie ihm das Wort, auf das er gewartet hatte, seit der Nacht, in der sie ihm in die Arme gelegt worden war.

Vati.

Elenas Herz verkrampfte sich so schmerzhaft, dass sie dem Kind beinahe übelnahm, dass es ihn liebte.

Dann verabscheute sie sich selbst für diesen Gedanken.

Damian senkte den Kopf.

Sofia tätschelte ihm einmal die Wange.

Dann drehte sie sich um und kehrte in Elenas Arme zurück.

Miriam räusperte sich leise, doch ihre Augen strahlten.

„Wir müssen uns auf den Gerichtstermin vorbereiten.“

Damian richtete sich auf.

„Das Gericht kann warten.“

„Nein, das kann nicht sein“, sagte Miriam. „Deine Mutter wird zuerst Klage einreichen. Sie wird behaupten, Elena sei psychisch labil. Sie wird Trauer, Armut und Arbeitslosigkeit als Argumente anführen. Sie wird sagen, Elena habe sich nach dem Treffen mit Sofia eine Fantasie ausgedacht. Sie wird behaupten, du würdest manipuliert.“

„Das würde sie nicht wagen.“

Miriam lachte einmal.

„Damian, sie hat ein Baby aus einem Krankenhaus gestohlen und es dir als Ersatz für dein totes Kind übergeben. Kühnheit ist nicht ihre Schwäche.“

Elena ließ sich auf das Sofa sinken.

„Sie wird gewinnen, nicht wahr?“

„Nein“, sagte Miriam. „Aber vielleicht verletzt sie dich noch, bevor sie verliert.“

Damians Handy vibrierte erneut.

Nicht Carmela.

Marco kehrte zur Tür zurück.

„Chef. Wir haben Luciana gefunden.“

Elena stand auf. „Wo?“

„Kleines Motel abseits des Belt Parkway. Sie checkte unter ihrem Mädchennamen ein.“

Elenas Finger verkrampften sich.

„Nimm mich mit.“

Damian schüttelte den Kopf.

“NEIN.”

Elenas Gesichtsausdruck verhärtete sich.

„Du hast nicht das Recht zu entscheiden, ob ich meine eigene Mutter sehe.“

„Mit Sofia gerätst du nicht in eine mögliche Falle.“

„Dann gehe ich ohne Sofia.“

Sofias Arme verkrampften sich augenblicklich.

„Nein, Mama.“

Elena schloss die Augen.

Damian sagte nichts, aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

Miriam griff ein.

„Ich bleibe hier bei Sofia. Dieses Haus ist sicher. Damians Männer sind draußen, und ich werde selbst die Staatsanwaltschaft verständigen, falls sich jemand nähert.“

Elena sah Sofia an.

Sie zu verlassen, fühlte sich an, als würde man die Haut von den Knochen reißen.

Aber Luciana hatte Antworten.

Und vielleicht etwas noch Schlimmeres.

Elena kniete nieder.

„Mama muss mit Oma sprechen.“

Sofia schüttelte den Kopf.

“NEIN.”

Das Wort war scharf, erschreckend.

Elenas Augen füllten sich mit Tränen.

Damian hockte sich neben sie.